Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69003674.html
Der Spiegel - 8. Februar 2010

SPIEGEL-GESPRÄCH

 

 

Marty ist in meinem Kopf

von Philipp Oehmke

Der Schauspieler Leonardo DiCaprio über seine Arbeit mit dem Regisseur Martin Scorsese und die Bürde, der neue Robert De Niro sein zu müssen

SPIEGEL: Herr DiCaprio, als Sie in New York zusammen mit Martin Scorsese Ihren neuen Film "Shutter Island" vorstellten, war nicht zu übersehen, wie vertraut Sie und Scorsese miteinander umgehen. Sie werden sich irgendwie immer ähnlicher und haben sogar schon die gleiche Frisur ...

DiCaprio: ... aber Martys Haare sind weiß. Sonst haben Sie recht. Wir haben viel voneinander übernommen. Das heißt natürlich, ich vor allem von ihm. Marty hat eine Intensität, wer die einmal erlebt hat, den lässt sie nicht mehr los.

SPIEGEL: Ist er für Sie eigentlich nur noch der Marty? Oder sehen Sie in ihm auch die Regie-Legende?

DiCaprio: Ich nenne ihn Marty, aber in jeder Szene, die ich unter seiner Anleitung spiele, läuft in mir das Scorsese-Hintergrundprogramm. All diese unfassbar großartigen Filme, "Good Fellas", "Raging Bull" und natürlich "Taxi Driver", sind in jeder Sekunde, die ich mit Marty drehe, in meinem Kopf. Marty ist in meinem Kopf.

SPIEGEL: Schüchtert Sie dieser Mythos ein?

DiCaprio: Er inspiriert mich. Zum Beispiel Teddy, die Figur, die ich in "Shutter Island" spiele, wird im Laufe des Films immer wahnsinniger. Natürlich habe ich da die ganze Zeit an Robert De Niro in "Taxi Driver" gedacht.

SPIEGEL: "Shutter Island" ist der vierte Scorsese-Film in Folge, in dem Sie die Hauptrolle spielen. Diesmal sind Sie ein US-Marshall, der in den fünfziger Jahren auf einer Gefängnisinsel für psychisch kranke Straftäter ermittelt. Es geht um Traumata, Paranoia und auch um die Frage, ob der Wahrnehmung Ihrer Figur überhaupt zu trauen ist.

DiCaprio: Ja, Teddy ist die kränkste, düsterste, gebrochenste Rolle, die ich bisher bei Scorsese gespielt habe. Das ist richtig anstrengende Schauspielerei.

SPIEGEL: Sie wollen sagen, es reicht nicht mehr, nur Leo zu sein?

DiCaprio: Früher gab es vielleicht Filme, da bin ich mit der Leo-Nummer durchgekommen. Aber dieser Teddy ist eine typische Scorsese-Figur. Man muss sich an ihren Wahnsinn immer aufs Neue heranspielen.

SPIEGEL: Wie spielt man sich an Wahnsinn heran?

DiCaprio: Genau da beginnen die Probleme. Sich reinsteigern in irgendwas kann jeder. Das können Sie auch. Es kommt auf die Dosierung an, auf die Subtilität, die Glaubwürdigkeit und, verzeihen Sie das große Wort, die Menschlichkeit darin. Ich glaube, ich habe am Anfang zu viel Intensität gegeben, habe Teddy immer schon mal ein bisschen brüllen, irre gucken, ausflippen lassen. Marty sagte mir dann, das sei zu früh zu viel.

SPIEGEL: Er stoppt Sie dann?

DiCaprio: Er lässt mich spielen, aber ich sehe schon an seinem Gesicht, dass ihm da gerade etwas nicht gefällt. Wenn er etwas gut findet, hebt er mit einem Mal seinen Kopf aus dieser resignativen Kauerstellung, plötzlich hat er eine unglaubliche Körperspannung, seine Augen blitzen. Er hat etwas gesehen, das ihn interessiert! Man weiß aber meistens nicht, was. Und dann mache ich wieder etwas falsch, und Marty kehrt zurück in diese Kauerstellung.

SPIEGEL: Vielleicht sollte er Ihnen einfach präzise sagen, was er will.

DiCaprio: So funktioniert Marty nicht. Marty erwartet, dass der Schauspieler eine Idee hat. Er fängt dann an, mit dir darüber zu reden, oft stundenlang. Es gibt Kollegen, die das perfekt umsetzen, was der Regisseur verlangt. Die sind nichts für Marty.

SPIEGEL: Scorsese sagt, Sie seien ein "Shape Changer", jemand, der seine Gestalt in Sekunden wechseln kann.

DiCaprio: Ich bin eben kein Method Actor. Method Actors bleiben für die Zeit der Dreharbeiten in ihrer Rolle, was bei einem Film von Marty fast ein Jahr dauern kann. Daniel Day-Lewis zum Beispiel hat beim Dreh von "Gangs of New York" die ganze Zeit seine Rolle nicht verlassen. Mit dem konnte man im Grunde ein Jahr lang kein vernünftiges Wort wechseln.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie sich gefühlt haben, als Sie zum ersten Mal einen Film von Scorsese gesehen haben?

DiCaprio: "Taxi Driver". Na klar. Ich habe damals mit Robert De Niro "This Boy's Life" gedreht. Meine erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Ich war 18, und Robert De Niro hat mich natürlich fasziniert. Dann hieß es immer, der war in diesem Wahnsinnsfilm, "Taxi Driver". Ich habe ihn mir dann angeschaut.

SPIEGEL: Sie haben mit De Niro gedreht und kannten "Taxi Driver" nicht?

DiCaprio: Ehrlich gesagt, ich kannte ja kaum De Niro. Mein Vater hat mich mal mit in einen De-Niro-Film genommen. Da war ich 15. Das war dieser ... Wie hieß noch mal der Film, in dem De Niro diesen Kopfgeldjäger spielt?

SPIEGEL: "Midnight Run"?

DiCaprio: Richtig. Mein Vater sagte zu mir: "Hier siehst du einen großartigen Schauspieler. Du willst wissen, was cool ist? Robert De Niro ist cool."

SPIEGEL: Und ausgerechnet mit ihm hatten Sie dann in "This Boy's Life" Ihre erste große Filmrolle, ein paar Jahre später.

DiCaprio: Ja, dummerweise hatte ich beim Casting damals das Gefühl, ich müsse ihm etwas beweisen. Wir mussten eine Szene zusammen spielen, und ich habe ihn wie verrückt angebrüllt. Ich ging mit meinem Gesicht zentimeternah an seins und schrie. Ich war mir sicher, dass ich's versaut hatte.

SPIEGEL: Sie sind vorher bei einer Menge Castings durchgefallen.

DiCaprio: Es war mein letzter Versuch. Später habe ich erfahren, dass es genau das war, was mir die Rolle verschafft hatte. Dass ich mich gegen De Niro erhoben hatte.

SPIEGEL: De Niro hat Sie sogar an Scorsese empfohlen. Sie sind also so was wie sein legitimer Thronfolger. Aber gleichzeitig müssen Sie sich von ihm loslösen.

DiCaprio: Das ist wirklich hart. Als Marty und Bob ihre großen Filme in den Siebzigern machten, durchlief das Kino eine Epoche des Neorealismus. Und diese Phase hat damals in den Siebzigern viel Großes hervorgebracht. Wenn Sie nun heute versuchen, das alles umzuwerfen oder komplett neue Wege zu beschreiten, dann landen Sie automatisch bei der Übertreibung. Also kann man eigentlich immer wieder nur darauf zurückkommen, was die damals gemacht haben.

SPIEGEL: Wie deprimierend. Aber als sein Nachfolger werden Sie sich doch notgedrungen mit De Niro vergleichen müssen.

DiCaprio: Vielleicht tue ich das. Aber die Wahrheit ist, ich werde niemals an Bob rankommen. Ganz im Ernst: Marty und Bob gehörten zusammen, diese Partnerschaft war das Beste, was es je gab im Kino.

SPIEGEL: Was ist eigentlich passiert, dass Scorsese und De Niro nicht mehr zusammenarbeiten? Und dass sich De Niro im Gegensatz zu Ihnen nur noch schlechte Rollen aussucht?

DiCaprio: Oh, täuschen Sie sich da mal nicht. Ich glaube nicht, dass Bob raus ist. Soweit ich weiß, arbeiten die beiden an zwei oder drei verschiedenen Projekten.

SPIEGEL: Auch mit Ihnen?

DiCaprio: Bei einem bin ich dabei.

SPIEGEL: Nur bei einem?

DiCaprio: Ich wäre liebend gern bei beiden dabei, aber es hängt an Marty und wonach er sucht. Ich bin sofort bereit, mich auf alles zu werfen, was Marty macht.

SPIEGEL: Den Unterschied zwischen der alten und neuen Schauspielergeneration sieht man doch gut im letzten Scorsese-Film "Departed". Jack Nicholson übertreibt seine Darstellung des Mafiabosses bis fast ins Karikaturhafte, während Matt Damon und Sie Ihre Figuren präzise und trocken spielen.

DiCaprio: Ich bitte Sie. Jack Nicholson. Es ist nicht so, dass Jack immer so dick aufträgt. Ich schätze, es hängt immer ab von dem Grad von Geisteskrankheit, den Jack gerade darstellen will.

SPIEGEL: Nicholson soll sich bei den Dreharbeiten zu "Departed" ja unmöglich benommen haben, auch Ihnen gegenüber.

DiCaprio: Ja, Gott. Mag sein. Meine Antwort lautet: Ich habe nichts außer Respekt für Jack Nicholson. Er ist einer meiner Idole, seitdem ich ihn das erste Mal sah. Ich liebe diesen Typen.

SPIEGEL: Trotzdem ist Ihr Spiel viel zurückhaltender als seins.

DiCaprio: Es hat keinen Sinn zu versuchen, die Schauspielerei neu erfinden zu wollen. Nehmen Sie Marlon Brando, James Dean, Montgomery Clift. Das sind die Typen, die angefangen haben, als Schauspieler Jazz zu spielen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Keinen Foxtrott mehr. Uns Jüngeren bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder dahin zurückzukehren. Der Korken ist doch längst aus der Flasche geknallt. Ich justiere bloß an kleineren Schrauben.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

DiCaprio: Teddy, meine Figur in "Shutter Island", spricht an einer Stelle plötzlich deutsch. Das war definitiv meine Idee. Und das ist sehr wichtig für die Glaubwürdigkeit an dieser Stelle, weil Teddy mit jemandem redet, den er im Verdacht hat, als Arzt in einem Konzentrationslager gearbeitet zu haben. Ich habe zu Marty gesagt, wenn Teddy wirklich im Zweiten Weltkrieg länger in Deutschland war und wenn er in den Konzentrationslagern die Wärter verhört hat, dann hat er definitiv ein bisschen Deutsch gelernt.

SPIEGEL: So wie Sie bei Ihrer deutschen Oma.

DiCaprio: Darauf bin ich echt stolz. Wie klingt es für Sie?

SPIEGEL: Es klingt wie ein Amerikaner, der deutsch spricht.

DiCaprio: Hm. Okay, ich kann es nicht richtig fließend, aber ich komme klar in Deutschland. Ich kann dort leben, Essen bestellen, und ich weiß, was man sagt, um Leuten ein Hotel zu buchen. Wenn Sie mich in Deutschland aussetzen würden, ich würde überleben.

SPIEGEL: Sie müssten doch mit Ihren Großeltern deutsch gesprochen haben.

DiCaprio: Die konnten ja auch Englisch. Sie haben nach dem Zweiten Weltkrieg 30 Jahre in der Bronx gelebt und sind erst dann zurück nach Deutschland gegangen. Meine Mutter war acht, als sie nach New York kam.

SPIEGEL: Eigentlich komisch, dass Ihre Mutter Ihnen dann nicht ihre Muttersprache beigebracht hat.

DiCaprio: Da war damals nichts mit Beibringen bei mir. Man kann ihr da keinen Vorwurf machen. Niemand hätte mir damals irgendwas beibringen können.

SPIEGEL: Warum?

DiCaprio: Ich war ein wildes Kind, das einfach gemacht hat, was es wollte. Meine Eltern sind großartig. Aber sie waren eben auch, na ja, Hippies. Wir haben damals in einer ziemlich coolen, aber auch, sagen wir, drogenaffinen Gegend von Los Angeles gewohnt, Echo Park. Ist natürlich heute richtig hip. Damals aber standen die Junkies da rum, die aus Hollywood vertrieben wurden. Man musste auch ein bisschen ein schlimmes Kid sein, um sich dort zu behaupten.

SPIEGEL: Und von dort jeden Sommer nach Oer-Erkenschwick ...

DiCaprio: Den Ortsnamen können ja noch nicht einmal Sie aussprechen!

SPIEGEL: Herr DiCaprio, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Leonardo DiCaprio wurde dreimal für einen Oscar nominiert und gilt als einer der präzisesten Schauspieler seiner Generation. Weltberühmt wurde er 1997 in "Titanic". Mit dem Regisseur Martin Scorsese drehte DiCaprio, 35, die Filme "Gangs of New York" (2002), "Aviator" (2004), "Departed - Unter Feinden" (2006) und zuletzt "Shutter Island", der auf der Berlinale Weltpremiere feiert und am 25. Februar in die deutschen Kinos kommt.

Das Gespräch führte der Redakteur Philipp Oehmke.

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