Gala - 25. Februar 1999

 

Leo gegen den Rest der Welt

Leonardo DiCaprio steht zum ersten Mal seit "Titanic" wieder vor der Kamera - und hat jede Menge Probleme

von Garth Pearce / Mike Daniels

Leo DiCaprio schwimmt und schwimmt und schwimmt. Verzweifelt versuchen sein Schauspielerkollege Guillaume Canet und er im türkisfarbenen Wasser das Ufer der paradiesischen Insel im Süden Thailands zu erreichen. Und das schon seit Stunden: Hier wird gerade der Film "Der Strand" gedreht, mit Leonardo in der Hauptrolle. Durch "Titanic", den erfolgreichsten Film aller Zeiten, wurde der 24jährige weltweit zum Teenie-Idol. Danach nahm er sich erst einmal ein Jahr lang Zeit, um sein Leben zu genießen. Statt auf Kinoplakaten sah man ihn vorwiegend in der Yellow Press. Schnappschüsse zeigten ihn mit Kumpanen aus ominösen Kneipen torkeln oder an sonnigen Pools mit den schönsten Mädchen an seiner Seite. Das exzessive Leben hinterließ Spuren: Leonardo legte kräftig zu, besaß zuletzt die Rettungsringe, die ihm auf der "Titanic" fehlten.

Im neuen Film des "Trainspotting"-Regisseurs Danny Boyle "Der Strand" spielt DiCaprio jetzt seine erste Hauptrolle nach dem erfolgreichen Untergang der "Titanic": einen jungen Rucksacktouristen, der sich zusammen mit einer Handvoll Reisender auf eine scheinbar paradiesische Insel begibt und dort auf ein dunkles Gheimnis stößt. Der Film basiert auf dem erfolgreichen Roman des jungen Schriftstellers Alex Garland - eines Briten wie der Regisseur Danny Boyle auch. "Seit 'Trainspotting' wollte ich unbedingt mit Danny zusammenarbeiten", begeistert sich Leonardo DiCaprio. "Als sich dann die Sache herauskristallisierte, war ich richtig aufgeregt!" Für die Rolle des Amerikaners Richard Lewis mußte er sich aber erst wieder in Form bringen und verbrachte viel Zeit im Fitnesscenter. Nun läßt Leos Anblick die Frauenherzen wieder höher schlagen. So gut, wie er jetzt trainiert ist, so sehr ist er allerdings auch gestreßt: Hollywoods begehrtester Jungstar Hollywoods hat bei den Dreharbeiten im Süden Thailands einiges auszuhalten. Eine schmerzhafte, brennende Berührung mit einer Qualle setzte ihm zu, und er kämpft mit politischen Kontroversen und Einsamkeit.

"Es ist wirklich unglaublich schön hier. Doch leider ist alles nur Arbeit und noch einmal Arbeit", sagt Leo. Seine Tage beginnen früh: Morgens um halb sechs bringt ihn ein Speedboat zur "Singa Lady", einer 25 Meter langen Yacht. Ankerplatz ist eine halbe Meile vor Maya Beach aud Phi Phi Le, wo er Großteil der Dreharbeiten stattfindet. Beim Abendessen leistet ihm häufig sein 25jähriger Schauspielerkollege Canet Gesellschaft. Danach vergnügen sich beide nur noch mit einer Playstation, ehe sie gegen 22 Uhr müde in ihre Betten fallen.

Die strenge Routine auf dem Set setzt Leo nach seinem Party-Jahr ein wenig zu. 67 Tage sollen die Dreharbeiten dauern, 64 davon wird er vor der Kamera gebraucht. Der Drehstreß wird zusätzlich durch andere Probleme erhöht: Thailändische Umweltschützer protestieren erbittert gegen das bunte Völkchen, das Maya Beach mit Beschlag belegt. Sie behaupten, die Filmleute hätten den wunderschönen Ort zerstört, Büsche und Palmen ausgerissen, Dünen mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht. Und all das nur, um Hollywoods Vorstellung von der Trauminsel schlechthin gerecht zu werden. "Von meinem Standpunkt aus sind alle diese Anschuldigungen falsch", erklärt Leo. "Lediglich Tonnen von Müll wurden von diesem Strand weggeräumt. Er sieht jetzt besser aus als jemals zuvor." Der Hollywoodstar ist wirklich verärgert: "All die wilden Geschichten der letzten Jahre über mich habe ich ignoriert, zu Lügen sage ich eigentlich nichts. Aber jetzt rege ich mich wirklich auf. Von den Protesten habe ich zwar schon vor meiner Ankunft gehört, doch als ich kam, wurde alles nur noch schlimmer. Die ganze Aufregung hier ist doch angesichts der großen Umweltprobleme unserer Erde wirklich Zeitverschwendung."

Die aufgebrachten thailändischen Demonstranten trugen bei ihren Protestkundgebungen Masken mit Leos Konterfei - verunstaltet durch blutige Draculazähne. DiCaprio fühlt sich mißbraucht: "Die brauchen doch nur ein Symbol für all das, was hier passiert." Eine neue Erfahrung für den Star: Zum ersten Mal wird seine immense Popularität gegen ihn verwandt.

Per Telefon sucht Leo am anderen Ende der Welt Verständnis. Immer und immer wieder bittet er seine Freundin Kristen Zang, sie möge doch seinen schwimmenden Käfig in ein "Loveboat" verwandeln. Das Model pendelt zwischen Los Angeles und New York, führt stundenlange Gespräche mitdem einsamen Star, wird per Handy von ihm geweckt. Ein Mitglied der Crew: "Seine Bodyguards mögen noch so breite Schultern haben - zum Anlehnen sind sie doch weniger geeignet. Er braucht seine Freundin."

An schönen Frauen mangelt es rund um Maya Beach sicherlich nicht. Knackige Statistinnen sonnen sich auf dem Deck der Yacht. Ein paar hübsche Japanerinnen verfolgen Leo auf Schritt und Tritt in einem kleinen Schlauchboot mit Außenbordmotor. Doch Leo wendet allen Versuchungen den Rücken zu. Wunderschön auch, doch eindeutig von anderen Interessen geleitet, ist die Anführerin der Proteste gegen Leo und seine Crew, die 39jährige Ing Kanjanavanit. Sie akzeptiert nicht eine von Leonardos Unschuldsbeteuerungen. "Wenn er uns wirklich nicht wütend und traurig machen will, soll er nach Hause fahren!" Das mag DiCaprio sich wohl auch schon gewünscht haben. Doch er hofft immer noch, daß die Heimat zu ihm kommt, in Form von Kristen Zang.

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