Playboy - Dezember 2006

 

 

"Ich bleibe ein Clown"

Leonardo DiCaprio über sein Image als Sexgott, seine Mentor Martin Scorsese - und warum er Dokumentarfilme zur Klimaerwärmung finanziert

 

Haben Sie Lust auf eine Prügelei?

Nein, warum sollte ich?

Weil Sie im Ghetto aufgewachsen sind wie Billy Costigan, Ihre Figur im neuen Scorsese-Film. Und die ist sehr aggressiv.

Natürlich steckt in mir eine gewisse Gewalttätigkeit. Wie in jedem von uns. Das heißt aber nicht, dass ich sie auslebe. Meine Jugend war auch nicht ganz so hart. Okay, als Jugendlicher in Hollywood habe ich üble Sachen mitbekommen, bin an jedem Straßeneck über Dealer gestolpert. Nur nicht so krass wie in 'Departed - Unter Feinden'.

Aber Sie haben sich nicht auch als Filmstar mit den Kumpels Ihrer Gang "Pussy Posse" ordentlich danebenbenommen?

Ach, können wir mit diesem alten Unsinn nicht endlich aufhören? Das waren doch alles haltlose Gerüchte.

Wie erklären Sie sich, dass Ihnen solche Geschichten anhaften?

Tja, das hat mit einem gewissen Film zu tun.

Soll das etwa heißen, Sie bereuen heute, in dem Blockbuster 'Titanic' mitgespielt zu haben?

Das sicher nicht. Letztlich bin ich sogar froh darüber. Noch in 100 Jahren werden sich die Leute 'Titanic' anschauen. Ich bin also Teil eines historischen Monuments geworden. Doch die Umstellung, nicht mehr normal unter Leute gehen zu können, war schon heftig. Ich habe mich immer noch nicht an diesen Trubel gewöhnt. Aber ich will hier nicht die Heulsuse spielen. Viele Leute müssen mit Umständen zurechtkommen, die trilliardenfach schlimmer sind.

Gab es nie den Punkt, wo Sie sich für den König der Welt hielten?

Das hätte tatsächlich leicht passieren können - in meinem Alter damals. Ich habe das bei anderen Kollegen gesehen. Zum Glück - oder vielleicht wegen meiner deutschen Wurzeln - bin ich ein direkter, geradliniger Mensch. Und: Für mich was Hollywood nie ein Mythos, schließlich bin ich da groß geworden und merkte, dass der ganze Ruhm nicht viel bedeutet. Als Schauspieler änderst du nicht den Lauf der Geschichte. Ich bin nur ein Clown, der sich für eine Show anheuern lässt.

Können Sie in der Öffentlichkeit wirklich den wahren Leo geben?

Wie soll denn das gehen? Sobald ich nach draussen gehe, wird mein Verhalten interpretiert oder gar missverstanden. Das darf ich schon mit Rücksicht auf meine Karriere nicht riskieren. Denn alles, was die Leute über mein Privatleben wissen, werden sie im Kopf haben, wenn sie mich auf der Leinwand sehen. Dann bin ich in keiner Rolle mehr glaubwürdig.

Werden Sie in erster Linie gebucht, weil Sie ein großer Star sind?

Mit solchen Regisseuren würde ich nie arbeiten. Zum Glück ist mein Status Martin Scosese völlig egal.

Warum klappt es mit Ihnen beiden so gut? Sie stammen doch aus zwei völlig verschiedenen Generationen.

Marty ist so etwas wie mein Mentor geworden. Er hat mir geholfen, als Schauspieler ein ganz neues Niveau zu erreichen. Wir verstehen uns in allen wichtigen Fragen. Wir mögen die gleiche Musik, die gleichen Filme - und uns ist auch das Gleiche zuwider. Wenn uns zum Beispiel etwas in einer Szene nicht gefällt, dann müssen wir das gar nicht erst aussprechen. Und wir sind beide von unserer Arbeit besessen. Hätten wir die Chance, mal drei Jahre lang einen Film zu drehen, wir würden es sofort tun.

Sind Sie ein Workaholic?

Es gibt bloß eine Grenze: Ich möchte mich nicht zu Tode arbeiten.

Und wo bleibt die Zeit für Ihre unzähligen Frauengeschichten?

Egal, was die Leute glauben - ich habe das nie übertrieben.

Warum gelten Sie dann als Sexgott?

Woher soll ich das wissen? Ich bin garantiert nicht begeistert, wenn man mich auf irgendwelche "Sexy-Star"-Hitlisten setzt.

Sondern?

Was ich wirklich erreichen möchte, ist, das Umweltbewusstsein der Menschen zu wecken. Aber dafür reichen mir einfache Informationen. Ich habe Bill Clinton zum Thema Klimaerwärmung interviewt, ich habe zwei Dokumentarfilme produziert, 'Global Warming' und 'Water Planet'. Und ich habe ein neues Projekt, bei dem Wissenschaftler wie Stephen Hawking zu ökologischen Themen zu Wort kommen. Es wäre mir lieber, die Leute würden sich ansehen, in welchen Gefahren unsere Erde schwebt, anstatt Klatschgeschichten über mich zu lesen.

Sie wollen also doch ein bisschen die Welt verändern?

Zumindest würde ich gern ein wenig Einfluss nehmen. Aber dafür brauche ich eben eine Menge Geld. Und deshalb werde ich wohl noch eine Zeitlang den Clown spielen.

Interview: Rüdiger Sturm

 

*

DEUTSCHE ARTIKEL & INTERVIEWS

MAIN