Quelle:
www.planet-interview.de/ - 28. Januar 2005

 

'Am Set bin ich wirklich besessen.'

Leonardo DiCaprio über seine Darstellung von Howard Hughes in "Aviator", Besessenheit und die Zusammenarbeit mit Martin Scorsese

Das Interview führte Swantje Waterstraat

 

Mr. DiCaprio, Sie haben jahrelang über den Milliardär und Flugzeugnarr Howard Hughes recherchiert und das Filmprojekt "Aviator" vorangetrieben. Was hat Sie so an Hughes fasziniert?

DiCaprio: Als Schauspieler sitzt du immer herum und wartest auf die nächste große Rolle. In 99 Prozent dieser Zeit passiert dies nicht. (lacht) Es kommt eben nicht oft vor, dass dir eine so vielseitige und interessante Persönlichkeit vor die Füße fällt. Also habe ich in der Geschichte nach interessantem Filmstoff gesucht und diese Ikone, diese gottähnliche Persönlichkeit der amerikanischen Kultur, gefunden: Howard Hughes. Er war ein Casanova seiner Zeit. Und der größte Pionier in der Welt der Luftfahrt. Er wurde als wirklicher amerikanischer Held gesehen, denn er revolutionierte das kommerzielle Flugwesen. Und auch Hollywood: Er drehte Hollywood völlig um, indem er Filme außerhalb der etablierten Studios finanzierte. Dabei hat er wirklich ein paar sehr riskante Filme gemacht, die er aus eigener Tasche finanzierte. Und er war wahnsinnig, er hat sich imaginären Zwängen unterworfen. Es ist wirklich ironisch, dass ihn mikroskopisch kleine Keime am Ende seines Lebens klinisch verrückt gemacht haben. Hughes ist ein Mythos: jemand der hoch aufgestiegen und tief gefallen ist. Solche Rollen kriegst du nicht jeden Tag.

Welche Seite von ihm haben Sie lieber gespielt: den Sunnyboy und Frauenheld Howard Hughes oder den von Alpträumen geplagten Howard Hughes?

DiCaprio: Hm, ich nehme an, eher die dunklere Seite. Aber eigentlich hat mir beides gefallen. Ich bin morgens immer aus dem Bett gesprungen und konnte es kaum erwarten, die nächste Szene zu drehen. Es war uns wichtig, beide Seiten des Howard Hughes zu zeigen. Jemand, der immer mit allem, was er tut, Erfolg hat – wer möchte das sehen? Es ist wirklich faszinierend, dass dieses Genie der Luftfahrt und Filmproduktion an mikroskopischen Keimen scheitert. Ich habe diese Notizen gelesen, die er stundenlang geschrieben hat und in denen steht, wie sein Mittagessen geliefert werden sollte; in welchem Winkel man ihm die Papiertüte geben sollte, so dass keine Keime zu ihm fliegen konnten. (lacht) Wirklich verrückt.

Sie haben sich lange mit jenen krankhaften Zwangsvorstellungen beschäftigt, einen Spezialisten auf diesem Gebiet hinzugezogen und sogar vier Tage mit einem seiner Patienten verbracht. Wie wirken sich Zwangsneurosen auf die Menschen aus, die darunter leiden?

DiCaprio: Das ist wirklich ein Mechanismus im Gehirn, der ausgeschaltet wird. Man kann es auf keinen Fall mit der Art von Macken vergleichen, die jeder von uns hat. Wenn mich eine Sache nicht mehr loslässt, dann kann ich diese Art von Besessenheit trotzdem abstellen. Ich kann auf andere Bereiche meines Gehirns hören, die mir sagen, dass es unlogisch und unnötig ist. Aber Leute mit Zwangsvorstellungen sind gefangen in diesem Teil ihres Gehirns. Sie haben das Bedürfnis, immer wieder dieselben Rituale auszuführen und können damit im wahrsten Sinne des Wortes nicht aufhören. Sonst hätten sie das Gefühl, dass etwas entsetzlich Schlimmes passieren wird.

Was hat Ihnen dabei geholfen, sich in diese Zwangsneurosen einzufühlen?

DiCaprio: Ich erinnere mich, dass ich als Kind Dinge angefasst habe oder auf bestimmte Flächen treten musste: Wenn ich zur Schule ging, bin ich manchmal einen ganzen Block zurück gegangen, nur weil ich nicht auf etwas Bestimmtes getreten bin. Das hat bei einem bestimmten Alter aufgehört. Aber diese Erinnerungen habe ich in die Rolle mit einfließen lassen.

Können Sie sich mit Howard Hughes identifizieren?

DiCaprio: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich wurde oft gefragt, welche Ähnlichkeiten es zwischen ihm und mir gibt. Aber ich habe keine Paranoia vor Keimen oder sonstige Zwangsneurosen. Diese Zwangsneurosen führen ja dazu, dass du von etwas so fasziniert bist, dass du alles machst, selbst wenn du dafür deinen gesunden Verstand opfern musst.

Die einzigen Parallelen, die ich vielleicht noch sehen kann zwischen seiner und meiner Person, sind die zum Filmemachen: Ich liebe das Schauspielern und Filmemachen. Aber so ein kompliziertes Leben führen wie er, das würde ich mir nicht antun.


Und wie ist es mit Hughes Angst vor dem Blitzlichtgewitter und vor der Öffentlichkeit? Oder seinen Fähigkeiten als Frauenheld – können Sie das nachempfinden?

DiCaprio: Oh nein, ich bin kein Frauenheld (lacht). Nein, diesen Aspekt kann ich nicht nachempfinden. Das Verhältnis zur Presse kann ich schon manchmal verstehen, wobei ich damit jetzt mehr die Fotografen meine und die Leute, die ständig hinter einem her sind.

Aber letztlich lebe ich meinen Traum als Schauspieler. Ich kann das machen, was ich unbedingt tun will. Und bei jeder Erfahrung im Leben – ganz egal, was es ist – gibt es Pro und Contra. Für mich überwiegt das Pro eindeutig. Ich bin mein eigener Boss und tue, was ich liebe. Ich kann mich nicht beschweren.


Würden Sie sagen, dass Sie von Ihrem Beruf besessen sind?

DiCaprio: Ja, ich denke schon. Wenn ich am Set bin, bin ich wirklich besessen davon, die Dinge gut zu machen, damit sie meinem Ideal von Perfektion genügen. Wenn du dir bestimmte Ziele setzt, dann willst du diese auch erreichen. Das hat vielleicht etwas von einem besessenen Wesen – ja, bestimmt.

Die Frage ist aber auch, wie hoch der Grad an Besessenheit ist und wo die Grenze zum Wahnsinn liegt.

DiCaprio: Ja, das ist faszinierend. Denn das ist es ja, was Howard Hughes so erfolgreich gemacht hat. Es gibt kein wahres Genie ohne eine Spur von irrer Besessenheit, oder sogar Wahnsinn. Du musst diese Obsession haben, um Dinge zu schaffen, wie er sie geschaffen hat, oder zu revolutionieren, wie er sie revolutioniert hat. Das ist definitiv eine bewundernswerte Eigenschaft. Aber gleichzeitig hat sie zu vielen depressiven Momenten in Howard Hughes Leben geführt.

Was bewundern Sie an Howard Hughes in seiner Funktion als Filmproduzent?

DiCaprio: Er war wirklich bahnbrechend zu seiner Zeit. Was er damals ohne Computer-Animation alles gemacht hat und was er am Set gemacht hat: er hat für einen Film richtige Armeen angestellt. Das waren wirklich unglaubliche Dinge auf einem viel gefährlicheren und fantastischeren Level, als die Sachen, die wir heute machen. Zum Beispiel die Luftkampfszenen in "Hells Angels": drei oder vier Piloten sind dabei gestorben. Das waren echte Piloten aus dem Ersten Weltkrieg, die diese Maschinen geflogen sind, das war wirklich gewaltig.

Empfinden Sie diese Bewunderung auch für Martin Scorsese? DiCaprio: Ja, bei ihm kann man auch diese Besessenheit erkennen. Er ist von Filmen besessen; vom Filmemachen und von Filmgeschichte. Ich habe nie einen Mann in meinem Leben getroffen, der seiner Arbeit so erlegen ist und seine Arbeit mit so viel Leidenschaft macht. Wenn du seinen Namen sagst, dann in einem Atemzug mit Film und Filmgeschichte. Er weiß so viel darüber. Du kannst kein Gespräch mit ihm führen, selbst wenn es ein persönliches Gespräch ist, ohne dass er eine Szene aus einem Film zitiert, die für ihn ein bestimmtes Gefühl repräsentiert, unglaublich.

Sie haben jetzt den zweiten Film mit ihm gemacht. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

DiCaprio: Bei "Gangs of New York" haben wir uns noch nicht wirklich gekannt. Aber wenn man neun Monate an einem nachgebildeten Schauplatz von New York um die Jahrhundertwende in der Mitte Italiens miteinander verbringt, dann lernt man sich natürlich kennen. (lacht) Obwohl wir zwei komplett unterschiedlichen Generationen angehören, haben wir einen ähnlichen Kunstgeschmack. Nicht nur bei Filmen, auch bei anderen Kunstformen, wie zum Beispiel Musik.

Wenn etwas schlecht ist, sind wir uns einig. Zum Beispiel schreckliche Szenen oder Filme aus der Vergangenheit, die als großartig rezensiert wurden. Es ist schön zu wissen, dass du geschmacklich auf einer Wellenlänge mit dem anderen liegst. Und oft, wenn wir zusammen Szenen schlecht gedreht haben, mussten wir nicht mal darüber reden. Wir haben uns einfach angeguckt und gesagt: "Ja, das müssen wir definitiv ändern."


Bei "Aviator" soll Scorsese besonderes auf die authentische Darstellung aller Personen Wert gelegt haben, die tatsächlich einmal gelebt haben.

DiCaprio: Ja, er hat uns allen immer wieder gesagt, dass wir Persönlichkeiten spielen, die die Leute kennen. Das galt ganz besonders für die Rolle der Katharine Hepburn. Sie ist eine Kultfigur und hatte die wichtigste, weibliche Stimme in Amerika. Es gibt keine amerikanische Stimme, die einen höheren Wiedererkennenswert hat als die von Katherine Hepburn.

Wir haben uns Dokumentarfilme über diese realen Personen angesehen und bestimmte Facetten ihrer Persönlichkeit untersucht. Aber wir konnten natürlich nicht alles erfassen – wir rekonstruieren schließlich nur Ausschnitte ihres Lebens auf der Leinwand.


Mit Scorsese werden Sie demnächst einen weiteren Film drehen.

DiCaprio: Ja, der heißt "The Departed" und ist ein Remake eines Hong-Kong-Films aus dem Jahr 2002.

Sind Sie dann auch wieder als Produzent tätig?

DiCaprio: Ich habe den Produzenten in mir noch nicht wirklich zum Einsatz gebracht. (lacht) Bei "Aviator" habe ich für Martin Scorsese gearbeitet und hatte eine wirklich schwierige Rolle zu spielen. Darauf konzentrierst du dich im Endeffekt. Der Grund dafür, warum ich als Produzent mit aufgeführt werde, ist, dass ich das Projekt sozusagen ins Leben gerufen habe. Aber ich habe nie über Budgets geredet, oder gerufen "He, wir müssen zu einem anderen Drehort wechseln. Beeilt euch, wir können nicht mehr Aufnahmen machen!" Nein, dafür muss ich irgendwann einmal Produzent eines Films sein, in dem ich selbst nicht mitspiele.

 

Danke an Johanne !

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