Berliner Morgenpost 3.Dezember 2006

 

 

"Man muss selber wissen, was man will"

Leonardo DiCaprio über seine Arbeit mit Martin Scorsese für "Departed"

 

Sie drehten zusammen "Gangs of New York", "Aviator" und jetzt "Departed". Leonardo DiCaprio ist heute für Martin Scorsese das, was Robert De Niro einmal für ihn war. Und Scorsese ist für DiCaprio der Regisseur, mit dem er an frühere künstlerische Erfolge - vor "Titanic" - anknüpfen könnte. Peter Zander sprach mit dem Star über diese einzigartige Verbindung.

 

"Departed" ist Ihr dritter Film mit Martin Scorsese. Woher kommt diese enge Bindung?

Da müssen Sie ihn fragen. Ich kann nur für mich sprechen. Ich kann mit dem modernen Maestro des Kinos arbeiten, dem großen lebenden Filmmagier. Und es stellte sich heraus, dass wir ganz ähnlich ticken. Was wir unter Kino verstehen, was den Grundton eines Films anbelangt, die Figurenführung. Das war so eine Art automatisches Konsens-Ding zwischen uns. Wir waren uns auch einig, was wir überhaupt nicht wollten.

Er nennt sie seine neue Muse. Ist das schon eine Vater-Sohn-Beziehung?

Für mich fing alles mit "This Boy's Life" an, da hab ich, noch blutjung, mit Robert De Niro vor der Kamera gestanden, dem Typ, der so oft mit Marty gearbeitet hatte. Und der will so was wie ein Vater für mich sein in diesem Film. Ich machte mich also mit Bobbys Arbeit vertraut und ergo auch mit der von Marty. So wurde ich ein Fan von ihm. Wollte immer mal mit ihm zusammenarbeiten. Dass daraus gleich mehrere Filme wurden, ist wie ein Segen. Sehen Sie ihn als Vater, ich sehe ihn als Mentor. Als den großzügigsten, einfühlsamsten, den man sich vorstellen kann. Ich muss keinen einzigen Gedanken verschwenden, ob ich bei einem Film mit Marty mitmachen soll. Fragen Sie irgendeinen in der Branche, mit wem er gern mal arbeiten würde, dann ist es immer er.

Ist die Zusammenarbeit inzwischen anders? Eingespielter?

Die Umstände sind anders. An "Gangs of New York" hat Marty 20 Jahre gearbeitet; ich habe davon gehört, sprach ihn darauf an, dass ich gerne mitspielen würde, und hoffte, sein Lieblingsprojekt damit vorantreiben zu können. Bei "Aviator" war's genau umgekehrt, daran habe ich zehn Jahre gearbeitet, erst noch mit Michael Mann. Dann habe ich Marty ins Spiel gebracht. Bei "Departed" war das ganz anders. Wir waren beide freier. Haben das Skript gleichzeitig bekommen und gleichzeitig zugesagt. So schnell geht's bei ihm sonst nie.

"Departed" ist das Remake des Hongkong-Hits "Infernal Affairs". Aber wie in fast jedem Scorsese-Film geht es um Männlichkeit, um echte Kerle. Was bedeutet das für Sie, ein richtiger Mann zu sein?

In meinem eigenen Leben? Etwas ganz anderes: Verantwortung für eigene Taten zu tragen, das vor allem. Sie auf niemanden abwälzen. Als meine Karriere allmählich in die Gänge kam, hatte ich mehr Entscheidungen zu treffen, als ich je vermutet hätte. Da kommt man in Versuchung, andere entscheiden zu lassen - und nötigenfalls für den schlechten Rat die Schuld zuzuschieben. Aber du musst dahinterstehen und selber wissen, was du willst. Als Künstler wie als Person.

Wie schwierig ist es heute, Leonardo DiCaprio zu sein?

Ach, das ist heute sehr viel einfacher, als es schon mal war. Es gab da einen Film, den ich mal gemacht habe und der viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zog.

Wieso nennen Sie "Titanic" nicht beim Namen? Schämen Sie sich?

Nein, das deuten andere hinein. Es war nur ganz anders als alles, was ich bis dahin gemacht habe und auch als alles danach. Ich wollte damals etwas Neues, Einzigartiges probieren, ich glaube, das ist mir auch gelungen. Es konnte nur niemand vorhersehen, wie einzigartig, wie unerreichbar das werden sollte.

Sie hassten nach "Titanic" zumindest den Rummel um Ihre Person.

Ich hatte ich immer dieselbe Philosophie als Schauspieler: Mach deine Arbeit, so gut du kannst, und nutz deine Publicity, um sie zu promoten, aber verrate nie was von deinem Privatleben. Je mehr du das machst, desto mehr sehen dich die Leute als öffentliches Gut. Als feste Person, nicht als Schauspieler, der sich wandeln kann. Ich wollte nach "Titanic" nie eine öffentliche Rolle spielen und habe auf Jahre keine Interviews mehr gegeben. Aber das war nichts Neues, diese Einstellung habe ich, seit ich 16 bin. Und ich habe das Gefühl, dass ich jetzt wieder da bin, wo ich hin wollte.

Haben Sie je daran gedacht, selbst einmal Regie zu führen?

Nicht in nächster Zeit, nein. Da musst du multi-tasking-fähig sein, musst für -zig verschiedene Abteilungen verantwortlich sein, und wissen, wie eine Szene zu den 300 anderen passt. Ich kann nur eines wirklich gut: einschätzen, wie ich spiele. Und ich muss mir nur Scorsese bei der Arbeit anschauen, um zu wissen, dass ich noch nicht soweit bin, das zu tun.

Sie haben beide noch nie einen Oscar bekommen. Obschon alle Welt denkt, dass Sie längst "dran" sein müssten.

Sich vorzustellen, wie ein Publikum oder eine Academy deine Arbeit beurteilen könnte, das ist eine Schlacht, die du nur verlieren kannst. Das kannst du nicht beeinflussen, das ist lächerlich. Wenn aber einer einen Oscar verdient hätte, dann ist das ganz klar Marty. Er ist da in einer eigenen Liga. Kubrick hat nie einen bekommen. Hitchcock auch nicht.

Vielleicht ist das die größere Auszeichnung.

Kann gut sein.

Quelle: http://www.morgenpost.de/content/2006/12/03/feuilleton/869348.html

 

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