Vanity Fair Nr. 48 - 2008

 

 

Leonardo Decodiert

Er verdient 20 Millionen Dollar pro Rolle, geht mit Supermodels aus und engagiert sich nicht erst für den Umweltschutz, seitdem das als chic gilt. Ein Treffen mit dem schwer greifbaren Leonardo DiCaprio, der in diesen Wochen mit gleich zwei ambitionierten Filmen ins Kino kommt

von Chrissy Iley

 

 

Gisele war damals noch die Frau an seiner Seite. Es war 2001, und ich war gekommen, um die brasilianische Schönheit zu interviewen. Während ihr Yorkshireterrier in einem fort kläffte, plapperte sie in atemberaubendem Tempo. Sie war warmherzig, aber auch launisch. DiCaprio war verschlossen, still und wirkte ein wenig verloren, während er in der Küche Gemüse in akkurate Stücke schnitt. Er bereitete das Essen vor, das sie einem Freund vorbeibringen wollten, und sagte immer wieder, "Baby, wir kommen zu spät." Aber "Baby" redete weiter und verlangte nach Empanadas; Gisele und ihr Terrier hatten einen akuten Anfall von Fleischhäppchengier. DiCaprio schnitt weiter Gemüse. Schließlich fuhr Gisele Bündchen mich nach Hause. Im Radio lief "California" von Joni Mitchell, und wir sangen mit. Sie erzählte mir, dass Leo nicht auf Karaoke stand, aber ihr Leben mit ihm toll sei. Als ich später von ihrer Trennung hörte, überraschte es mich nicht. An dem Abend, an dem ich sie erlebt hatte, hatten sie nicht eine Sekunde gewirkt, als hätten sie irgendetwas gemeinsam.

Sieben Jahre danach treffe ich Leonardo DiCaprio zum zweiten Mal, diesmal in einer leicht verrauchten Suite im Beverly Wilshire Hotel. Anlass ist 'Der Mann, der niemals lebte', Ridley Scotts CIA-Thriller, der am 20. November in Deutschland startet. DiCaprio trägt einen Pullover und Jeans, und obwohl er immerhin 1,85 Meter groß ist, wirkt er noch größer - vielleicht weil er so langgliedrig ist, vielleicht auch, weil man von Filmstars erwartet, dass sie Tom-Cruise-Größe haben. Sein Blick ist durchdringend, aber er ist höflich und freundlich, von Feindseligkeit keine Spur.

'Der Mann, der niemals lebte' bringt DiCaprio wieder mit Russell Crowe zusammen. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt in 'Schneller als der Tod' war DiCaprio gerade 20 und für feinfühlige Kinoporträts bekannt - der zurückgebliebene Junge in 'Gilbert Grape', der geprügelte Stiefsohn Robert De Niros in 'This Boy's Life'. "Russell war cool. Er hat mich als Frischling sehr unterstützt", errinnert sich DiCaprio. "Und nach all den Jahren ist er immer noch derselbe - ein sehr engagierter Mann."

DiCaprio beschreibt Crowe als einen der einflussreichsten Schauspieler seiner Generation, aber trifft das nicht viel eher auf ihn selbst zu? "Ich werde den Teufel tun, so etwas zu behaupten," lacht er, aber natürlich weiß er, dass es stimmt. DiCaprio hat sich längst zu einem Schwergewicht entwickelt. Für seine Darstellung des Zwangsneurotikers Howard Hughes in Martin Scorseses 'Aviator' wurde er zum zweiten mal für einen Oscar nominiert (die erste hatte er für 'Gilbert Grape' bekommen, die dritte erhielt er für 'Blood Diamond'). Mit Scorsese drehte er auch 'Gangs of New York' und 'Departed - Unter Feinden', zwei Filme, die ihm viel Respekt eintrugen. Seit seinem Ökodokumentarfilm '11th Hour - 5 vor 12' hat er zudem den Ruf, äußerst engagiert zu sein.

Ein leichtgewichtigerer Schauspieler hätte 'Der Mann, der niemals lebte' vermutlich nicht überstanden. DiCaprio spielt einen Agenten, der bei seiner Jagd auf einen Top-Terroristen zwischen die Fronten der CIA und des jordanischen Geheimdienstes gerät. Gedreht wurde fast ausschließlich in der Wüste, unter Bedingungen, die alles andere als komfortabel waren. "Es war sehr hart, sehr rau", sagt DiCaprio. "Ich habe schon viele Actionszenen gedreht, aber bei Ridley Scott weiß man einfach nie, was passiert. Er dreht aus sieben verschiedenen Perspektiven, um dann plötzlich zu sagen: 'Ich kauf euch das nicht ab. Mir egal, wie oft wir diese Szene besprochen haben, es kommt nicht rüber.' Und dann macht er alles anders. Für einen Schauspieler ist das der reinste Adrenalinkikk, weil man jederzeit mit allem rechnen muss und einem nichts anderes übrig bleibt, als auf seine Instinkte zu setzen."

 

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Scotts Film ist oft unbarmherzig gewalttätig; in einer Szene, in der die DiCaprio-Figur gefoltert wird, vergisst man vor Anspannung beinahe zu atmen. "Gut so", sagt der Schauspieler. "Die Passage ist entscheidend für den ganzen Film, sie musste so eindringlich sein. Hinterher bin ich körperlich regelrecht zusammengebrochen. Die Intensität hat mich krank gemacht."

Leonardo DiCaprio bewegt sich in zwei einander diametral entgegengesetzten Welten, sowohl in Hollywoods materialistischer Chichi-Gesellschaft als auch unter leidenschaftlichen Umweltschützern. Er fährt, der Energieersparnis wegen, einen Toyota Prius, seinen "Golfwagen", wie er sagt; und es beunruhigt ihn, dass "Menschen diesen Planeten mit einer Tankstelle verwechseln". Aber er gibt sich Mühe, seine Botschaften in ein Lächeln zu verpacken. Als einmal ein Reporter während eines Interviews rausmusste, schnappte sich DiCaprio dessen Aufnahmegerät und besprach es mit der Nachricht, dass der Jopurnalist keinen Hamburger hätte bestellen sollen, weil doch Kühe Methangas ausstoßen. Die Rolle als fundamentalistischer Prediger nähme man ihm auch nicht ab - schließlich gehörte er in Hollywood einmal zu den bösen Jungs und hing mit notdürftig bekleideten Models ab.

Es sind solche Gegensätze, die ihn menschlich machen. Deshalb hat er es auch genossen, in 'Der Mann, der niemals lebte' jemanden zu spielen, der weder Held noch Bösewicht ist: "Es fiel mir leicht, mich in die Seele eines Mannes zu versetzen, der gut darin ist, andere zu manipulieren, aber auch weiß, dass er manipuliert wird. Er versucht, einen Rest von Moral zu wahren, gleichzeitig wird er von seinem Land verraten. Und er beginnt, seinen Patriotismus in Frage zu stellen. Er ist nicht gut oder schlecht. Er versucht nur, den Glauben an ein System zu bewahren, das verloren ist."

 

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Man ahnt, dass DiCaprio auch von sich selbst redet. Wenn man ihn auf George W. Bush anspricht, gibt er jede Zurückhaltung auf: "Ich bin nicht glücklich über die vergangenen acht Jahre. Die Vereinigten Staaten haben sich in eine schreckliche Lage manövriert. Ich hoffe, dass ein so brillanter Kopf wie Barack Obama für Veränderung sorgt. Er kann dieses Land auf einen anderen Kurs bringen."

Man würde wie DiCaprio gern glauben, dass 'Der Mann, der niemals lebte' die Diskussionen über den schmutzigen Krieg gegen den Terror neu anstößt. Aber der Film kam in Amerika ausgerechnet in der Woche ins Kino, in der die Wall Street zusammenbrach, und musste sich in den Filmcharts mit Platz drei begnügen - hinter 'Beverly Hills Chihuahua'. Dennoch gibt sich DiCaprio tapfer: "Später einmal wird man auf unseren Film zurückblicken und sich daran erinnern, was zu diesem Zeitpunkt der Geschichte passierte."

Vermutlich wird er mit 'Zeiten des Aufruhrs' weitaus mehr Erfolg haben. Der Film von Sam Mendes, der am 15. Januar in die deutschen Kinos kommt, spielt im Vorstadt-Amerika der Mittfünfziger und sorgt für die Wiedervereinigung DiCaprios mit Kate Winslet, seit 'Titanic' das berühmteste Kinoliebespaar der Welt. Sie spielen Frank und April Wheeler, ein junges Ehepaar, das in den gesellschaftlichen Zwängen ihres Lebens und ihrer Zeit gefangen ist. Frank hat seinen Kurs verloren. April träumt noch von einem Dasein als Bohemienne in Paris, als sie schon zum dritten Mal schwanger wird. DiCaprio: "In diesem Film geht es um viele wichtige Fragen: Was ist aus dem amerikanischen Traum geworden? Wie nahe bewegen wir uns noch an der damaligen Zeit? Der Film zeigt, dass sich das moralische Klima, wie wir die fundamentalen Dinge des Lebens sehen, seit den 50ern gar nicht so sehr verändert hat. Das hat mich daran so fasziniert. Und natürlich bin ich ein großer Fan von Sam und Kate."

Es macht ihn allerdings jetzt schon unruhig, dass seine erneute Zusammenarbeit mit Kate Winslet die Aufmerksamkeit wieder auf 'Titanic' lenken wird - den Film, der dafür gesorgt hat, dass ihn Millionen von kreischenden Mädchen verfolgten. Er hasste es. Und lehnte nach 'Titanic' alles ab, was nach Blockbuster aussah, sagte Nein zu der Rolle des Anakin Skywalker in 'Krieg der Sterne' und zu 'Spiderman', der seinen besten Freund Tobey Maguire zum Star machte. DiCaprio dagegen hatte immer Angst davor gehabt, ein Star zu sein: "Es war nie meine Absicht, dass mein Gesicht um die ganze Welt geht." Oder dass Friseure in Afghanistan von wütenden Taliban verhaftet wurden, weil sie einen Haarschnitt namens 'The Titanic' anboten. Und dann gab es da noch die Episode auf einem Pariser Flughafen, als sich ein Mädchen hysterisch an sein Bein klammerte und selbst dann nicht loslassen wollte, als er ihr versprach, sich mit ihr zu unterhalten. Der Zwischenfall traumatisierte ihn. Ein paar Jahre lang machte er gar keine Filme, litt an dem, was er "Post-Titanic-Verzweiflungssyndrom" nennt - jene Art von Berühmtheit, die dazu führt, dass jeder mit einem reden will, aber keiner darauf hört, was man zu sagen hat.

"Die Filme, die ich jetzt mache, sind Filme, die ich schon immer machen wollte", sagt er. "Wenn man gerade erst mit seiner Karriere anfängt, hat man nicht immer die Gelegenheit, Filme zu machen, denen man sich nahe fühlt. Und nach 'Titanic' brauchte ich eine Auszeit, damit sich alles wieder beruhigen konnte. Ich dachte: 'Okay, du hast eine gewaltige Chance, was machst du mit ihr? Du kannst mit deinem Namen Filme finanzieren, an denen dir wirklich etwas liegt.' Mit dieser Verantwortung wollte ich nicht leichtfertig umgehen."

 

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Zehn Filme hat er in den zehn Jahren nach 'Titanic' gedreht, und abgesehen vielleicht von der überambitionierten Verfilmung von Alex Garlands 'The Beach' war nicht ein schlechter dabei. Auch kein echter Kassenschlager, dafür ist Leonardo DiCaprio heute der größte amerikanische Schauspieler seiner Generation. Für seine Rolle in 'Zeiten des Aufruhrs' könnte er endlich den Oscar gewinnen.

DiCaprios Stimmung scheint sich aufzuhellen, wenn er über seine düstere Rolle in diesem Liebesdrama spricht: "Der Film handelt vom Zerfall einer Ehe. Wir tun alles, was man in einer Liebesbeziehung tun sollte, aber wir bewegen uns dabei immer weiter auf den Abgrund zu. Ich fühle mich zu dieser Art von Figur hingezogen, weil die Dinge in dieser Welt ... nun ja, sie sind nicht leicht, es ist alles sehr kompliziert."

Man fragt sich bei dieser Gelegenheit, wie kompliziert seine Beziehung zu Bar Refaeli ist, dem israelischen Supermodel. DiCaprio antwortet astrologisch. Er sei Sternzeichen Skorpion mit Aszendent Waage: "Das bedeutet, dass ich versuche, die leidenschaftlichen, dunklen, wahnsinnigen Anteile meiner Persönlichkeit so gut auszugleichen, wie es geht. Meistens gelingt mir das ganz gut."

Erstaunlicherweise war DiCaprio Frauen gegenüber früher sehr schüchtern. "Ich kam schon immer schlecht aus den Startlöchern", erzählt er. "Mein allererstes Date hatte ich mit einem Mädchen namens Cessi. Einen ganzen Sommer lang hatten wir eine wundervolle Beziehung am Telefon, doch als wir uns schließlich trafen, konnte ich ihr kaum in die Augen gucken." Er hat immer noch Schwierigkeiten mit direktem Blickkontakt, aber das hat ihn nicht davon abgehalten, mit Kate Moss, Helena Christensen, Eva Herzigova und Amber Valetta auszugehen.

Dennoch sagt er, wie sehr er es lieben würde, eine Ehefrau zu haben, bei der er sich wohlfühlt. Und er sagt auch, dass er "irgendwann" Kinder will. Aber man muss solche Themen mit ihm sehr vorsichtig ansteuern, weil er keine Lust hat, sich auf seine Beziehungen zu Supermodels reduzieren zu lassen. Statt seiner Geliebten nahm er lange Zeit seine Mutter zu Filmpremieren mit. Er hat noch nie gern über seine Freundinnen gesprochen, sich mit ihnen fotografieren lassen oder spannende Details aus seinem Privatleben erzählt - das wäre Futter für die Paparazzi, die er nicht ausstehen kann. Seine Regel lautet: "Je mehr man der Öffentlichkeit preisgibt, desto weniger kann man in seinen Rollen verschwinden. Man stirbt als Darsteller. Die Leute sehen einen auf der Leinwand und denken: 'Das kaufe ich ihm nicht ab.'"

Man kann ihn nicht festnageln. Er ist ein Badboy und Superheld, ein Melancholiker, der aber gern auf Partys geht, er fühlt sich seiner Arbeit verpflichtet, aber nicht unbedingt seinen festen Freundinnen. Irgendwann hat er gesagt, dass die perfekte Frau für ihn eine wäre, die nichts dagegen hat, wenn er mal spontan mit Freunden nach Alaska fährt.

Zu seinen Freunden zählt Robert De Niro, die Art von Freund, die einem von Martin Scorsese empfohlen wird. "Das hat mich demütig gemacht. Die Verbindung De Niro-Scorsese ist für meine Generation, was Brando-Kazan für die vorherige war." Bald dreht er seinen vierten Film mit Scorsese, 'Shutter Island' soll er heißen. "Ich habe so viel Respekt vor ihm. Aber wer hat das nicht?"

Scorsese musste Jahre auf seinen Oscar warten. Stört es DiCaprio, dass er dreimal nominiert war, aber nicht gewonnen hat? "Ich jage dem Oscar nicht hinterher", sagt er. "Ich versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen und in Filmen zu spielen, die man Jahre später noch ansehen kann. Wenn ich einen Oscar bekomme, ist es toll. Aber ich bin auch glücklich, wenn ich so weiterarbeiten kann wie bisher."

Er hat immer noch dieselben zehn Freunde, mit denen er aufgewachsen ist. Weil es schwer ist, herauszufinden, wem man vertrauen kann? "Berühmte Menschen geben sich gern geheimnisvoll. Jack Nicholson hat einmal gesagt, es liege in der Natur des Berühmtseins, dass man es mit mehr Menschen zu tun bekommt als andere. Das führt dazu, dass man an den Leuten festhält, die man kennt und denen man vertraut."

Es scheint, als gäbe es zwei Leos: den schüchternen, misstrauischen, vorsichtigen Leo. Und den Offen-für-Alles-Leo. Er zeigt einem beide Seiten, damit man ihn nicht festlegen kann. Er lässt einen nie zu nah herankommen. Aber er gibt sich Mühe, einen die Distanz nicht spüren zu lassen.

 

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