Die Welt - 28. Mai 2007

 

 

Leonardo DiCaprio

"Bush hat nicht verstanden, worum es geht"

Bei den Filmfestspielen in Cannes hat Leonardo DiCaprio seinen neuen Film vorgestellt. Er heißt: „The 11. Hour" – am besten wohl mit „Fünf vor 12" übersetzt. Unser Autor hat sich mit dem Schauspieler getroffen. Leonardo DiCaprio über sein neues Umweltbewusstsein, ein Leben ohne schreiende Teenager und einen persönlichen Aufruf.

WELT ONLINE: Wie fühlt sich das an, wenn der ganze Trubel nachlässt?

Leonardo DiCaprio: Herrlich! Als würde ein Sturm, der beinahe ewige Zeiten getobt hat, plötzlich nachlassen. Ein wunderbares Gefühl. Ich weiß noch genau, wie Freunde von mir immer gesagt haben: „Leo, der Wahnsinn geht nicht weiter. Das ist bestimmt bald vorbei!“ Hat aber eine Weile gedauert.

WELT ONLINE: Schon wieder beinahe zehn Jahre her, dass das „Titanic-Fieber“ ausgebrochen ist.

DiCaprio: Verrückt, wie die Zeit rast, das stimmt. Aber die zehn Jahre waren auch nicht immer schön. Gerade die ersten Jahre nach „Titanic“ waren unglaublich. Egal, wo ich hinkam, haben die Menschen geschrien, sind auf mich zugekommen. Die Privatsphäre war komplett verschwunden.

WELT ONLINE: Ich kann mich an eine Begegnung mit Ihnen erinnern, das war zur Berlinale 2000. Als Sie aus dem Fahrstuhl im Kempinski stiegen, war Ihre erste Frage: „In welcher Stadt sind wir eigentlich?“

DiCaprio: Sehr charmant, dass Sie mich daran erinnern. Aber was hilft es? Ich habe in dieser Zeit sicher nicht immer die Übersicht bewahren können, mich vielleicht auch hin und wieder nur mit einigen Hilfsmitteln vor dem Absturz bewahren können. Das klingt heute alles so weit weg, so wie aus einem anderen Leben. Aber es war damals schon so, dass ich mich wie ein Astronaut gefühlt habe. Irgendwie habe ich die Erde umkreist und mit Befremden auf die Erde geschaut, was da bitte mit diesem Leonardo DiCaprio passiert.

WELT ONLINE: Eine Erfahrung, die Sie nie wieder haben möchten?

DiCaprio: Niemals. So etwas macht man nur einmal durch. Einmal und nie wieder.

WELT ONLINE: Geraldine Chaplin, der vergleichbares mit „Doktor Schiwago“ passiert ist, hat letztens erzählt, dass aus der Entfernung alles immer schöner wird, dass man sich nur noch an die angenehmen Dinge erinnert.

DiCaprio: Kann ich mir vorstellen. Ich klinge momentan auch wie einer, der Grund hätte, sich zu beschweren. Um das mal deutlich zu sagen: Das habe ich nicht! Ich habe eine phantastische Karriere, mir geht es blendend.

WELT ONLINE: In letzter Zeit engagieren sie sich für den Umweltschutz. Viele nehmen Ihnen das nicht ab.

DiCaprio: Das regt mich total auf. Warum soll sich denn bitte einer wie ich nicht in den Kampf gegen die globale Erwärmung einreihen?

WELT ONLINE: Als Sie im Januar 2005 hier in Berlin waren, um einen Film vorzustellen, hatten Sie auch ausführlich über die Hilfe für die Tsunami-Opfer gesprochen und sogleich war da auch die Vermutung: Oh, ein Star hat ein neues Hobby gefunden!

DiCaprio: In gewisser Weise kann ich das nachvollziehen. Es gibt halt immer wieder diese Stars, die sich im wahrsten Sinne zum Affen machen. Ich nenne jetzt keine Namen. Aber Sie wissen sicher, von wem da so die Rede ist. Aber es regt mich auf, dass man uns Schauspielern aus Amerika, wenn wir denn mal in einem Blockbuster mitgespielt haben, generell eine Ernsthaftigkeit absprechen. Das ist unfair. Wenn wir merken, dass etwas nicht stimmt auf unserem Planeten, dann müssen wir doch die ersten sein, die ihre Stimmen erheben.

WELT ONLINE: Seit wann spielt der Umweltschutz eine Rolle in Ihrem Leben?

DiCaprio: Spätestens, seit ich für meine Filme um die ganze Welt fliege und unwahrscheinlich viele Menschen treffe. Ich habe dabei zwar selten die Gelegenheit, aus den Hotels heraus zu kommen. Aber die Menschen erzählen mir von sich, was sie bewegt, was bei ihnen nicht stimmt. Und da habe ich irgendwann gemerkt, dass mich der Umweltschutz bewegt.

WELT ONLINE: Also kommt der Titel „The 11. Hour“ nicht von ungefähr?

DiCaprio: Nein, der mag beim ersten Hören vielleicht etwas reißerisch klingen. Aber ich meine das ernst. Und das erzählen auch all die Experten in unserem Film. Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit zum Handeln. Noch müssen wir nicht mit dem Mundschutz durch die großen Städte laufen, noch können wir viele Dinge in der Natur ohne Gefahr anfassen und essen. Aber das ändert sich. Nicht langsam, wie in den letzten Jahrzehnten, sondern rasend schnell.

WELT ONLINE: Wenn die Künstler in den 80er Jahren, als Kunst zum letzten Mal ausdrücklich politisch war, sich für Frieden eingesetzt haben, dann sollte das heute die Umwelt sein?

DiCaprio: Absolut. Wenn die Menschen das verstanden haben, wenn sie aus dem Film kommen, dann hätten wir schon einen großen Schritt getan. Ich glaube fest daran, dass jede Generation einen Auftrag hat, den sie erfüllen muss. Unser Leben ist doch im Großen und Ganzen recht konfliktfrei. Die Armut hält sich in Grenzen, in großen Teilen der Welt haben die Menschen zu essen, es gibt zwar noch Kriege, aber keine großen weltumspannenden mehr. Ich glaube, dieser Wohlstand hat uns zu sehr von den eigentlichen Problemen abgelenkt. Unsere Generation muss um die Umwelt kämpfen, sie schützen. Wenn sie das nicht tut, dann wird sie sich von den kommenden Generationen dafür kritisieren lassen müssen.

WELT ONLINE: Was tut Leonardo DiCaprio im Alltag, um umweltbewusst zu leben?

DiCaprio: Das ganz normale, was jeder tun sollte. Ein umweltfreundliches Auto fahren, den Müll trennen, auf Energiesparlampen achten. All diese kleinen Dinge, die zusammen genommen dazu beitragen können, dass wir unsere Erde ein bisschen besser behandeln als bisher.

WELT ONLINE: Werden wir in ein paar Jahren den großen Film zum Klimawandel in den Kinos haben?

DiCaprio: Denke ich schon. „The 11. Hour“ ist ein erster Anfang. Obwohl wir natürlich nicht den Anfang gemacht haben. Diese Ehre gebührt Al Gore. Der hat schon vor mehr als 20 Jahren darauf hingewiesen, dass wir nicht ewig so weiter machen können. Aber das wollte damals niemand hören. Nach seinem Film „Eine unbequeme Wahrheit“ hat sich das grundlegend geändert. Mittlerweile ist das schon ein Thema.

WELT ONLINE: Spannende Frage, ob ein Mensch namens Al Gore etwas anderes als Präsident hätte bewirken können.

DiCaprio: Spannend, aber hypothetisch. Zu George W. Bush muss sich wohl keiner mehr äußern. Seine Politik der letzten Jahre spricht eine eindeutige Sprache: Er hat nicht verstanden, worum es wirklich geht. Aber vielleicht gibt es ja für Al Gore noch einmal eine Chance zu zeigen, was für ein Präsident in ihm steckt.

WELT ONLINE: Würden Sie für den Umweltschutz auf die Straße gehen?

DiCaprio: Ach, mit solchen absoluten Aussagen sollte man sehr vorsichtig sein. Ich als Schauspieler und Produzent habe andere Möglichkeiten, auf Missstände hinzuweisen. Ich versuche, meine Kraft und auch mein Geld dafür einzusetzen, dass wir künftig mehr solche Filme sehen können, die sich mit dem Umweltschutz befassen.

WELT ONLINE: Aber Sie könnten zu Demonstrationen aufrufen.

DiCaprio: Auch keine wirklich gute Idee. Ich fände es besser, wenn die Menschen wieder unzufriedener sein würden, oder vielleicht sollte man besser sagen, unbequemer:

WELT ONLINE: In welcher Hinsicht?

DiCaprio: Man sollte wieder mal bei dem Menschen vorbei schauen, den man gewählt hat und ihn fragen, was er denn so unternimmt in den wichtigen Fragen des Lebens. Dazu rufe ich gern auf: Leute, seid unbequem und rückt den Politikern auf den Leib! Die können was verändern. Aber wenn Ihr zu Hause bleibt und vielleicht nicht einmal wählen geht, dann kann sich kaum etwas tun.

 

Quelle: DIE WELT ONLINE

*

DEUTSCHE INTERVIEWS & ARTIKEL

MAIN