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Berlinale-Gespräch - 17. Mai 2010

 

Leonardo DiCaprio "Komödien kann ich nicht"

Bloß keine Liebesfilme mehr: Leonardo DiCaprio erklärt, warum er in Martin Scorseses Schizophrenie-Thriller Shutter Island wieder einen Geisteskranken spielt.

Interview: Roland Huschke

 

SZ: Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio beginnen mit der Zusammenarbeit an einem neuen Film - wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?

Leonardo DiCaprio: Wie bei allem, was Scorsese anpackt, fangen wir mit der Filmgeschichte an. Im Fall von Shutter Island hat er mich gebeten, bestimmt ein Dutzend Filme zu sehen, von denen mir Otto Premingers Laura und Jacques Tourneurs Out of the Past besonders nachdrücklich in Erinnerung geblieben sind - als Studien der Besessenheit. Der Rest der Filme war eher obskur. Meist ging es Marty dabei um spezifische Sequenzen, etwa um Details der Arbeit eines US-Marshals in den fünfziger Jahren. Das gehört zum aufregendsten Teil der Arbeit mit Scorsese: Er sagt dir nicht, wie du etwas zu spielen hast, sondern nimmt dich an die Hand und taucht mit dir in die Filmgeschichte ein. Sich gemeinsam von den Besten inspirieren zu lassen - das ist der Plan.

SZ: Die Beschreibung des Schizophrenie-Thrillers Shutter Island hört sich ausgesprochen klaustrophobisch an.

DiCaprio: Eine Gefängnisinsel für Geistesgestörte, klar. Scorsese schöpft dieses Potential der Klaustrophobie auch voll aus. Ich spiele einen US-Marshal, dessen polizeiliche Untersuchung durch traumatische Erinnerungen und geheime medizinische Einflüsse sehr behindert wird. Ich wusste beim Spielen zwar immer, an welcher Stelle der Abwärtsspirale sich die Figur befand. Doch Scorsese schuf eine so vielschichtige Atmosphäre der Bedrohung und Desorientierung, dass man nach Drehschluss unmöglich die Füße aufs Sofa legen konnte. Der Geist des Films hat uns alle über Monate heimgesucht.

SZ: Haben Sie sich im Vorfeld über geistige Erkrankungen informiert?

DiCaprio: Ich habe mit Ärzten gesprochen und Fachbücher gelesen - aber der wichtigste Einfluss am Set war der Regisseur Frederick Wiseman. Der hat in den Sechzigern mit Titicut Follies den wichtigsten Dokumentarfilm zum Thema gedreht. Darin sieht man die brutalen Praktiken, denen Patienten früher ausgesetzt waren. Shutter Island spielt ebenfalls in der Zeit von Lobotomien und Elektroschock-Therapien, bevor Psychopharmaka eine erträglichere, aber keineswegs weniger tragische Behandlung ermöglicht haben. Es geht einem schon sehr nah, wenn Menschen so losgelöst von ihrer Lebensrealität existieren müssen - ohne selbst davon zu ahnen.

SZ: Stimmen Sie Dennis Lehane zu, dem Autor der Romanvorlage, der die Geschichte als eine Kreuzung aus Die Schwestern Brontë und Invasion der Körperfresser bezeichnet hat?

DiCaprio: Er hat das Buch geschrieben, also ist er der Experte. Wobei mir der Bezug zu den "Körperfressern" zu sehr nach Horror klingt. Auch unser Trailer arbeitet mit solchen Assoziationen - wer sich erschrecken lassen möchte, wird hier nicht enttäuscht werden. Aber der Grusel ist kein Selbstzweck. Scorsese nutzt das nur als Sprungbrett, um das Publikum tiefer in die Welt dieser Figuren zu locken, die extreme Verschiebungen ihrer Wahrnehmung durchmachen.

SZ: Es heißt, Shutter Island sei Scorseses Hitchcock-Film.

DiCaprio: Sagen wir, es ist ein Scorsese-Film, der mit einigen klassischen Hitchcock-Tricks operiert - zum Beispiel damit, dass auf der Leinwand manchmal etwas ganz anderes passiert, als man zu sehen glaubt. Mehr wird nicht verraten...

SZ: Wie hat sich denn die Zusammenarbeit mit Scorsese seit den Gangs of New York vor acht Jahren entwickelt?

DiCaprio: Inzwischen können wir uns blind aufeinander verlassen und ohne viele Worte kommunizieren. Scorsese verlangt, dass du zum organischen Teil seiner Arbeit wirst - und überlässt es dir, eine Szene zu steuern. Natürlich wird er dich korrigieren, wenn du dich zu weit von seinen Vorstellungen entfernst. Doch sein Vertrauen überwiegt. Er setzt voraus, dass du tief in der Materie steckst und dir Gedanken über deine Figur gemacht hast, zu denen er keine Zeit hatte. In neun von zehn Fällen akzeptiert er deine Entscheidungen - weil er Schauspieler mehr respektiert als jeder andere mir bekannte Regisseur.

"War nie ein Fan von Liebesfilmen"

SZ: Shutter Island ist Ihr vierter gemeinsamer Film in Folge. Welcher wird in der Filmgeschichte Ihrer Meinung nach am ehesten Bestand haben?

DiCaprio: Das kann ich doch unmöglich sagen! Ich weiß, es klingt wie ein Klischee, aber für mich war jeder dieser Filme ein Erfolg, weil ich die Erinnerungen und Erfahrungen aus der Produktion mitnehmen konnte. Andere Gradmesser für Erfolg lege ich gar nicht mehr an.
Es enttäuscht und desillusioniert mich natürlich schon, wenn ich an einem Film beteiligt bin, der keine Bindung zum Publikum findet oder missverstanden wird - wie Zeiten des Aufruhrs. Aber ich verstehe, dass ich darüber keinerlei Kontrolle habe - und möchte mich auch nicht von kommerziellen Überlegungen abhängig machen. Das Business versteht doch kein Mensch mehr! Manchmal denke ich, ein Film ist ein Hit - bis mir dann vorgerechnet wird, wie viele Kosten für Publicity oder sonst was draufgegangen sind. Und plötzlich sind wir in den Miesen.

SZ: Frustriert es Sie manchmal, wie Kinofilme heute vermarktet werden müssen, um ein Publikum zu finden?

DiCaprio: Sicher wird rückblickend auch manches idealisiert - doch ich wünsche mir schon oft, in den Siebzigern aktiv gewesen zu sein, als ein Film in Ruhe über Monate hinweg sein Publikum finden konnte. Wie das Marketing heute den Massengeschmack prägt, ist definitiv ein Problem - aber diese Entwicklung scheint angesichts der Kosten im Kinobetrieb unumkehrbar. Als Schauspieler kann man das nur ausblenden - und sich auf seine Arbeit konzentrieren.

SZ: Geht das denn noch?

DiCaprio: Absolut. Das Wichtigste findet nach wie vor im Verborgenen statt. Der Vorbereitungsprozess wird oft unterschätzt, doch mir persönlich macht es am meisten Spaß, sechs Monate vor dem ersten Drehtag mit der Recherche für eine Rolle zu beginnen. Jedes Detail kann ein Schlüssel für die Figur werden. Gerade Scorsese erwartet, dass man die Rolle in- und auswendig kennt; dass man Biographien erfindet, um am Set immer einen Ausweg für die Figur parat zu haben. Du musst sicher stehen in den Schuhen des Charakters - ansonsten wird das Publikum den Mangel spüren.

SZ: Was antworten Sie Kritikern, die behaupten, dass Scorsese Sie vor allem wegen Ihres Ruhms besetzt - um seine teuren Experimente zu finanzieren?

DiCaprio: Ich habe diese Theorie ein paar Mal im Umfeld von Gangs of New York gehört - und sie ließ mich damals schon kalt. Marty hätte jeden Star besetzen können, den er haben wollte. Wissen Sie, ich bin selbst der größte Fan der Filme, die Scorsese mit Robert De Niro gemacht hat - aber man tut beiden keinen Gefallen, wenn man alles, was sie heute unabhängig voneinander auf die Beine stellen, automatisch etwas abschätzig betrachtet.

SZ: Würden Sie auch mal ein Angebot des Meisters ablehnen?

DiCaprio: Wenn ich mich haarsträubend fehlbesetzt fühlte, dann schon. Aber es ist nicht davon auszugehen, dass Scorsese sich dermaßen irrt. Wir diskutieren ständig Projekte und Ideen miteinander, ohne dass es primär um einen Part für mich geht. Aber wenn er der Auffassung ist, dass ich einem Film helfen könnte, schaue ich mir das natürlich sehr, sehr genau an.

SZ: Mit Titanic wurden Sie einst zum weltweiten Mädchenschwarm. Haben Sie bewusst keine Filme mit romantischen Elementen mehr gedreht?

DiCaprio: Offen gestanden war ich noch nie ein Fan von Liebesfilmen. Und Komödien kann ich eigentlich gar nicht. Im Kino gefallen mir anarchische, charakterorientierte Stoffe wie Bruno am besten - aber ich wäre niemals in der Lage, so etwas zu spielen. Meine romantischen Stoffe - James Camerons Titanic und Baz Luhrmanns Romeo & Julia - habe ich vor allem deshalb gewählt, weil sie von visionären Regisseuren gedreht wurden, von denen ich einiges lernen konnte und wollte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin stolz auf beide Filme. Doch es ist kein Zufall, dass ich am Ende jeweils das Zeitliche segne. Mein Geschmack zieht mich grundsätzlich zu dunklerem Material.

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