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Hannoversche Allgemeine - 10.1.14

 

„Ich bin auch wütend auf diese Leute“
„Das ist eine endlose Reise, die in der Selbstzerstörung endet“:

Interview: Stefan Stosch

 

Hollywoodstar Leonardo DiCaprio spricht im HAZ-Interview über Reichtum, seinen neuen Film „The Wolf of Wall Street“ – und die schönen Folgen seines eigenen Untergangs.

 

Der Kinostar taucht ein Viertelstündchen zu spät auf. Ob das an der Premiere seines Films am Abend zuvor gelegen hat? Anzumerken ist Leonardo DiCaprio jedenfalls nichts an diesem Vormittag in einem Londoner Hotelzimmer: Wie aus dem Ei gepellt sieht der vielleicht einflussreichste Hollywoood-Schauspieler seiner Generation im weißen Hemd und dem legeren Jacket aus. Und dann spricht der 39-Jährige ausgeruht und hochkonzentriert über seinen Film "The Wolf of Wall Street".

 

Mr. DiCaprio, haben Sie mal den Fairview-Friedhof in Halifax im kanadischen Nova Scotia besucht?

Leonardo: Nein, nicht dass ich wüsste. Warum?

Da liegt ein Mann, der beim Untergang der Titanic starb und dessen Namen Sie in James Camerons Blockbuster tragen: „J. Dawson“ steht auf Grabstein Nr. 227.

Leonardo: Ehrlich?

Bis heute hinterlegen dort junge Frauen heimlich ihre Hotelschlüssel – in der Hoffnung, dass ein Typ bei ihnen auftaucht, der so aussieht wie Sie. Erschrickt es Sie manchmal, wie Kino und Wirklichkeit verwechselt werden?

Leonardo: Nein, erschrocken bin ich nicht. Aber es hat schon oft etwas Surreales. Daran gewöhnt man sich nie so ganz.

Wenn Sie heute, 17 Jahre nach „Titanic“, zurückschauen: Was bedeutet der Film für Sie?

Leonardo: „Titanic“ hat mein Leben verändert. Der Film hat so viele Leute berührt, egal, ob in Afrika oder am Amazonas. Von da an konnte ich den Kurs meiner Karriere bestimmen. Ich konnte Entscheidungen als Schauspieler treffen. In Hollywood entscheidet dein Name darüber, ob sich ein Film finanzieren lässt. Und plötzlich habe ich mit Regisseuren wie Martin Scorsese gearbeitet.

Können Sie sich noch erinnern, wie Sie ihm das erste Mal begegnet sind?

Leonardo: Ganz genau. Ich war um die 20 und in New York bei einer Party zu meinem Film „Jim Carroll – In den Straßen von New York“. Da bin ich direkt in ihn reingelaufen. Er war ein Held für mich, hatte in Hollywoods goldenem Zeitalter der Regisseure mit Robert De Niro all die großen Filme gedreht. Er sagte: Hey, Kid, du warst toll in „Gilbert Grape“ und „This Boy’s Life“, Bob (DeNiro) hat dich gelobt. Da war ich sprachlos, geradezu schockgefroren.

Wann wussten Sie, dass Sie selbst mit Scorsese eine intensive Kinobeziehung eingehen würden, ähnlich wie De Niro?

Leonardo: Das hat sich so entwickelt. Erst kam „Gangs of New York“, dann machte ich Scorsese auf „Aviator“ aufmerksam – das war eines der beiden Filmprojekte, die ich viele Jahre lang entwickelt habe, das andere ist nun „The Wolf of Wall Street“. Ich bin da auch ganz selbstsüchtig: Ich lerne von jemandem, dessen Wissen unerschöpflich ist.

Womit wir bei Ihrem aktuellen Film wären: Sind Sie ein Spieler wie der Aktienhändler Jordan Belfort, dessen Leben Sie nachspielen? Studieren Sie jeden Tag den Dow-Jones-Index?

Leonardo: Überhaupt nicht. Ehrlich gesagt: Ich verstehe bis heute die Aktienmärkte nicht wirklich – jedenfalls nicht so gut, wie ich nach diesem Film sollte. Ich habe ja auch viel mit Jordan selbst gesprochen. Aber für mich ist das immer noch verwirrend.

Belfort ist besessen von Gier und gibt ihr bei jeder Gelegenheit nach. Ihre Chancen als Hollywoodstar, Gier auszuleben, müssen auch verlockend sein. Wie widerstehen Sie?

Leonardo: Wissen Sie, ich habe unglaublich viele Leute kennengelernt, die vom Wohlstand besessen sind. Wenn die ein bestimmtes Level erreicht haben, wollen sie zum nächsten. Das ist eine endlose Reise, die in der Selbstzerstörung endet. Ich habe ja nichts gegen Reichtum, aber diesen Leuten gehen andere Werte gänzlich ab. Unser Film beleuchtet jene Typen, die unsere Wirtschaft 2008 zerstört haben und so von der Gier besessen waren, dass sie sich nur noch um sich selbst geschoren haben.

Sehen Sie darin etwas spezifisch Amerikanisches?

Leonardo: Nein, das gab es zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften. Die Gier ist ja auch ein Mechanisums, um zu überleben. Die Frage ist, ob wir wirklich eine intelligente Spezies sind und damit umgehen können. Es scheint auch so, dass jede Generationen dieselben Fehler macht. Ich habe ja zuvor den Film „Der große Gatsby“ gedreht, der hatte auch mit einem Börsencrash zu tun. Scheint so, als hätten wir in unseren Köpfen einen „Reset“-Knopf eingebaut.

Okay, aber warum ist von dieser Kritik nichts im Film zu entdecken? In den USA beklagen manche, dass sie die Broker an der Wall Street verherrlichen.

Leonardo: Was diese Leute getrieben haben, wissen wir doch sowieso. Wir möchten dem Publikum aber zeigen, was so verführerisch an dieser Welt ist. Ganz bewusst haben wir nicht zu den Opfern der Aktenbetrügereien rübergeblendet. Da sollte keine Didaktik drinstecken – nach dieser Logik wäre übrigens ein Film wie „Citizen Kane“ nie entstanden. Es sollte auch niemand am Ende bestraft werden. In der Wirklichkeit war das ja auch nicht so. Die Ironie ist: Viele Broker sind mit dicken Bonuszahlungen davongezogen.

Verstehen Sie denn die Debatte in Amerika?

Leonardo: Ich finde sie sogar gut. Das zeigt, dass wir einen Punkt getroffen haben. Aber Sie können mir glauben: Ich bin auch wütend auf diese Leute.

Wie wichtig ist Ihnen neben Hollywood der Umweltschutz, für den Sie sich engagieren?

Leonardo: Immer wenn ich nicht arbeite, konzentriere ich mich darauf. Meine Stiftung hat kürzlich erst 38 Millionen Dollar bei einer Auktion eingesammelt, wir haben in Nepal Schutzgebiete für Tiger eingerichtet, und wir wollen etwas für die Ozeane tun. Es ist eine Schande, dass Umweltschutz heute wieder so außer Mode ist. Ihr Land, Deutschland, ist führend, was erneuerbare Energie angeht. Ich hoffe, der Rest der Welt wird diesem Modell folgen.

Sehen Sie denn Fortschritte in unserem Verhalten?

Leonardo: Um ehrlich zu sein: Ich bin ein bisschen pessimistisch. 800 Millionen Autos kurven auf der Erde herum, Tausende von Kohleverbrennungsanlagen entstehen jedes Jahr, die Weltbevölkerung wächst und wächst. Der von Menschen gemachte Klimawandel ist so klar bewiesen wie die Schwerkraft. Und trotzdem steuern wir unseren Dampfer mit Volldampf und mit geschlossenen Augen durch die Nacht.

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