Glamour Magazin - ~Februar 2005

 

 

Dem Himmel so nah.....

Auf der Leinwand, in seinem neuen Film 'Aviator' ist Leonardo DiCaprio eine Sensation. Da spielt er Howard Hughes, den exzentrischen Flugpionier, Hollywood-Tykoon und Frauenhelden. Im Interview dagegen wirkt er mit strubbeligem Kinnbart, blasser Haut, zu viel Gel im Haar und komplett schwarzer Kleidung ziemlich mitgenommen. Hat er sich zu sehr mit seiner Rolle identifiziert?

 

Sie haben sich schon als Jugendlicher für Howard Hughes interessiert. Was verbindet Sie mit ihm?

Die Besessenheit. Ich bin der gleiche Perfektionist, zumindest beim Filmemachen. Aber ich würde es nicht ganz so übertreiben. Der Mann hat sich ja förmlich zu Tode gearbeitet. Seine Besessenheit machte vor nichts Halt. Er wollte sogar den perfekten BH erfinden.

Wofür er reichlich Erfahrungen gesammelt hat. Viele weibliche Stars aus Hollywood landeten in seinem Bett. Ein Vorbild für Sie?

Na ja. Ich habe das nie so extrem ausgekostet wie Howard Hughes.

Würden Sie gern?

Mal ja, mal nein. Letztlich hat es ihn ja auch nicht wirklich befriedigt. Es gab nur wenige Momente, in denen er echte Intimität erlebt hat. Einen dieser Momente zeigen wir im Film, wenn er Katherine Hepburn aus seiner Milchflasche trinken lässt, obwohl er eine Phobie vor Bakterien hat. Es ist doch eher diese Art von Vertrauen und Offenheit, auf die es im Leben ankommt.

Haben Sie auch solche Phobien?

Ich hatte höchstens kleine Obsessionen, die jeder mal hat. Als Teenager musste ich auf jeden Riss im Boden treten oder mehrfach hintereinander durch eine Tür gehen. Aber das war nichts Ernstes; ich konnte das jederzeit stoppen.

Erkennen Sie sich in dem Jugendlichen von damals noch wieder?

Ich habe mich nicht wesentlich verändert. Gut, ich bin etwas erwachsener geworden. Das ließ sich nicht vermeiden. Aber meine Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit habe ich mir bewahrt. Die möchte ich nie verlieren.

Dass Sie gerade 30 geworden sind, hat Sie nicht auch etwas nachdenklich werden lassen?

Ich hatte natürlich vor meinem Geburtstag ein mulmiges Gefühl im Bauch. Aber als es soweit war, wachte ich auf und dachte nur: "Ich bin 30. Das ist schlicht eine Zahl wie jede andere."

Psychologen begaupten, der frühe Erfolg als Teenager würde die Persönlichkeit sehr verändern....

Natürlich hat mich das geprägt. Wenn man in so einem Alter auf ein Podest gehoben wird, glaubt man schnell, dass man da auch hingehört. Ich fühlte mich als totaler Überflieger und musste erst mal begreifen, dass ich nicht den Lauf der Geschichte verändert habe. Sondern nur ein Schauspieler bin, ein Clown, den man mieten kann. Nur so hat man eine Chance auf eine Karriere. Und dann kann man sich zumindest aussuchen, wofür man sich mieten lässt.

In Ihrem Fall sind das mit Vorliebe historische Rollen.

Es gibt kaum etwas Spannenderes, als eine historische Figur zu spielen. In der Geschichte wimmelt es nur so vor unglaublich komplexen, exzentrischen Gestalten. Und ich habe das Glüch, dass ich in diese Charaktere eintauchen kann.

Sie gehen also auf Selbsterfahrungs-Trip durch die Geschichte?

Ich würde es eher eine Art Ausbildung nennen. Ich war nie auf dem College. Stattdessen imitiere ich die Erfahrungen anderer. Das ist besser als jede Universität.

Dafür brauchen Sie auch Lehrer. Drehen Sie deshalb einen Film nach dem anderen mit Martin Scorsese?

Ich bin mit seinen Filmen groß geworden. Der Mann ist mein Idol. Er weiß, wie sehr ich das Filmemachen liebe, und er fördert diese Liebe. Mittlerweile habe ich sogar den gleichen Filmgeschmack wie er.

In 'Aviator' sagen Sie einmal abfällig zu Cate Blanchett: "Du bist ja nur ein Filmstar". Wie würden Sie reagieren, wenn Scorsese so etwas zu Ihnen sagen würde?

Würde er nicht.

Aber angenommen....

Ich würde nicht mit ihm arbeiten. Ich würde mit keinem Regisseur arbeiten, der so von mir denkt.

Sind Sie unfehlbar?

Nein, ich kann immer scheitern. Ich recherchiere meine Rollen bis ins kleinste Detail. Ich verausgabe mich völlig. Trotzdem kann es sein, dass der Film dem Zuschauer nicht gefällt.

Das Nervenaufreibendste bei 'Aviator' waren nicht die Dreharbeiten, sondern die Minuten vor der ersten Testvorführung. Die ganze Crew starrte mich an und Martin Scorsese meinte: Jetzt können wir nichts mehr ändern. Wenn es nicht funktioniert, können wir uns alle nach Hause schleichen."

Zu wem würden Sie schleichen, wenn alles schief geht?

Zu meiner Freundin. Zu meinen Eltern oder zu meiner Großmutter

Ihre deutsche Großmutter ist bekannt dafür, dass sie den Leuten gerne mal sehr offen die Meinung sagt. Tun Sie das auch?

Gegenüber meinen Freunden und meiner Familie verstelle ich mich nicht. Aber in der Öffentlichkeit muss ich aufpassen. Am liebsten wäre es mir, wenn die Leute nichts über mich wissen. Sie sollten gar nicht erst versuchen, mich zu verstehen. Man kann in diesem Beruf auf lange Sicht nur erfolgreich sein, wenn man sich ein Geheimnis bewahrt. Ich will alleine bleiben mit meinen inneren Dämonen.

Sie haben innere Dämonen?

Haben wir doch alle. Wenn man sich nicht von Geld noch Ruhm ablenken lässt, dann kann man sie sehen. Und sich mit ihnen auseinandersetzen. Nur wenn wir das tun, können wir richtig leben.

 

Das Interview führte Rüdiger Sturm

 

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