Link: http://www.faz.net/... - 4.1.14
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Leonardo DiCaprio im Gespräch

 

„Ich liebe Pflaumenkuchen!“

Hollywood-Superstar Leonardo DiCaprio über Gier und Konsum, seine Kindheit in L.A. und die frühe Neigung zum Showbiz, die Ideale seiner Mutter und sein deutsches Erbe: schonungslose Ehrlichkeit.

von Nina Rehfeld

 

In einer Luxussuite im 50. Stock des Hotels „Mandarin Oriental“ am New Yorker Columbus Circle hat sich Leonardo DiCaprio lässig auf die Couch drapiert. Mit dem tiefblauen Anzug, dem oben aufgeknöpften petrolblauen Hemd und dem zurückgegelten Haar ist er die personifizierte Eleganz – wäre da nicht der schwarze Lederturnschuh mit der weißen Sohle, der auf dem Glastisch ruht. „Entschuldigen Sie“, sagt er und zwirbelt einen Gehstock in den Fingern. „Ich habe mir ein paar Bänder verletzt, ich lege den Fuß gern hoch.“ Hinter ihm geht der Blick zur Rechten über den Hudson River und zur Linken über den Central Park, über dem sich jetzt, Mitte Dezember, ein blauer Wintervollmond erhebt. Etwas betreten stehe ich mit dem japanischen Kollegen, der ebenfalls zum Gespräch gebeten ist, im Raum. DiCaprio lächelt und weist auf die Sessel gegenüber der Couch: „Setzen Sie sich.“

Dies ist ein Mann, der ganz zu Hause ist in seiner Haut, der seit seinem vielbeachteten Filmdebüt neben Robert De Niro in „This Boy’s Life“ 1993 und seinem kometenhaften Aufstieg zum Superstar 1997 mit „Titanic“ zu einer der einflussreichsten Figuren Hollywoods geworden ist. Inzwischen macht DiCaprio Projekte möglich und verschafft Filmgöttern wie seinem Freund Martin Scorsese neue Projekte – wie die Verfilmung der Memoiren des Aktienbetrügers und Partytiers Jordan Belfort in „The Wolf of Wall Street“, der in Deutschland am 16. Januar in die Kinos kommt. Kein Wunder, dass er hier mit der Haltung eines Impresarios und in einer Hotelsuite Hof hält, die eines Königs würdig wäre. Ich setze mich, und der japanische Reporter ist schon aus meinem Wahrnehmungsfeld verschwunden.

 

Ja, wir wollten so was wie eine moderne Version des späten Römischen Reichs abbilden. Es gibt für diesen Mann keine moralische Grundlage, niemanden, dem er Rechenschaft schuldig ist, er gibt einfach jedem Genuss-Impuls nach – und es macht natürlich riesigen Spaß, das zu spielen.

In der Rolle des Jordan Belfort ziehen Sie sich kiloweise Koks in die Nase...

Das war Baby-Vitamin B. Es hat nicht in der Nase gebrannt, und es hat uns nicht unter Strom gesetzt, nur um das klar zu stellen.

... Sie robben unter dem Einfluss eines hypnotischen Beruhigungsmittels sabbernd über den Boden...

Ich habe noch nie Quaaludes genommen, aber ich habe mir von dem echten Jordan Belfort die Wirkung schildern lassen; er sagte, man verliert jede Kontrolle über die Körperfunktionen, glaubt aber, dass man völlig normal ist. Man ist hochmotiviert, zu tun, was man vorhat, aber der Körper macht einfach nicht mit. Ich habe mir zur Vorbereitung dieses Video auf Youtube über den betrunkensten Typen der Welt angeguckt – der arme Kerl, er will bloß ein verdammtes Bier haben, aber immer, wenn er sich ihm nähert, verweigert ihm sein Körper die Gefolgschaft.

... und Sie haben eine ganze Reihe bacchanatischer Sexszenen gedreht.

Ich kann nicht sagen, dass das besonderen Spaß gemacht hat. Manches war echt eklig – als wir die Orgie in dem Jumbojet drehten, konnte ich kaum abwarten, von dem Set runterzukommen. Es war widerlich.

Im Film wird das als geile Party dargestellt. Können Sie den Reiz dieses Testosterongewitters aus männlicher Perspektive erklären?

Vielleicht muss man sich den Menschen allgemein anschauen. Der Versuchung zu erliegen ist leider Ausdruck der menschlichen Natur. Wir tragen diesen Drang zum Hedonismus alle in uns, die Lust am schrankenlosen Konsum, ohne jede Rücksicht auf die Konsequenzen. Und das ist ja das Dilemma, dem wir in unserer modernen Welt gegenüberstehen, als vermeintlich hochzivilisierte Figuren, die dennoch mit diesen Urdrängen zu kämpfen haben.

Sie sind mit Mitte zwanzig mit „Titanic“ zum Superstar geworden – im gleichen Alter wurde Jordan Belfort mit seinen Aktiendeals Multimillionär. Waren Sie nicht denselben Versuchungen ausgesetzt?

Ich bin in einer ziemlich krassen Nachbarschaft in Los Angeles aufgewachsen. Die Leute fragen mich immer nach den Versuchungen Hollywoods, nach den Fußangeln des Ruhms – aber Hollywood war ein Spaziergang für mich. Ich hatte all diese falschen Abzweigungen schon gesehen, als ich sieben Jahre alt war: Kriminalität, Drogendeals, Prostitution, all das spielte sich direkt an meiner Straßenecke ab. Und ich habe früh entschieden, dass das nichts für mich ist.

Sie haben mit der Romanfigur Jay Gatsby, dem Sklavenbesitzer Calvin Candie in „Django Unchained“ und jetzt dem Aktienbetrüger Belfort drei Figuren in Folge gespielt, die Amerikas Schattenseite repräsentieren...

Ja, das bewegt mich – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das Amerika nun mal ist, der Reichtum, der sich hier erzielen lässt, und die Korruption dieses Wohlstands. Mich faszinieren der amerikanische Traum und die Korruption dieses Traums...

... durch schrankenlosen Hedonismus?

Ja – Belfort ist ja der größte Hedonist aller Zeiten, der sich schamlos jedem Verlangen hingibt, das ihn anfliegt. Das spiegelt aber auch unsere Zeit wider. Diese Haltung liegt ja all dem zugrunde, was mit unserer Welt nicht stimmt: dem Drang, immer mehr zu konsumieren, nur das zu tun, was von Vorteil für mich ist. Ich bin als Umweltschützer in vielen Projekten rund um die Welt engagiert, um indigenen Menschen zu helfen, die von Ölkonzernen von ihrem Land verdrängt wurden, oder um die Zerstörung unserer Wälder, unserer Ozeane, die Plünderung der Natur im Namen des allmächtigen Dollars zu verhindern. Opportunismus und Gier sind Überlebensmechanismen; mit ihrer Hilfe sind wir da angekommen, wo wir sind. Aber heute sind wir sieben Milliarden, und die destruktiven Auswirkungen dieser Tendenzen werden immer stärker beschleunigt. Wenn wir weiter Geld als unseren Gott verehren, sieht die Zukunft nicht sehr rosig aus.

Wundern Sie sich manchmal, wie eine so junge Nation, die auf so hehren Idealen gründete, in so kurzer Zeit diesem Hedonismus verfiel?

Wir haben uns ja mit dem Gedanken gegründet, dass dies ein neues Land ist, in dem man neue Regeln schaffen kann. Aber ich glaube nicht, dass das nur auf die Vereinigten Staaten zutrifft, sondern auf den Kapitalismus allgemein. Die Idee, dass wir uns grenzenlos ausdehnen können, dass wir immer weiter wachsen und immer reicher werden können, ohne Konsequenzen, ist ja verquer. Irgendwo muss etwas nachgeben, und es gibt nach – mehr und mehr.

Sie sind selbst Amerikaner erst in der zweiten Generation.

Ja. Meine Mutter, eine deutsche Auswanderin, kam mit großen Idealen, mit all ihren Vorstellungen davon, was Amerika sein könnte, in dieses Land. Sie war ja zunächst nach New York emigriert, in die Bronx, und zog dann nach Kalifornien, auf dieser mythischen Reise nach Westen. Sie hatte ein Postkartenbild des kalifornischen Lebens vor Augen, aber die Wirklichkeit war ein bisschen anders. In den Straßen von L.A. wurde sie mit der Korruption des amerikanischen Traums konfrontiert.

Wären Sie lieber woanders groß geworden?

Ironischerweise bin ich zwar in Hollywood geboren, aber in einer rauen Gegend. Und trotzdem: Wäre ich nicht in dieser geographischen Nähe zu dem Traum von Hollywood aufgewachsen, würde ich wohl heute hier nicht sitzen. Dass dieser Traum in Erfüllung ging, beruht schlicht darauf, dass meine Eltern mich zu all diesen Vorsprechen fahren konnten.

Sie wollten schon als Kind Schauspieler werden – warum?

Das ist ein Instinkt – manche Leute haben wohl dieses brennende Bedürfnis, andere zu unterhalten, andere eben nicht. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie ich auf eine Bühne sprang. Mein Vater ging gern auf diese Freiluft-Festivals, und ich bettelte: Dad, lass mich auf die Bühne! Er sagte okay, und ich weiß noch, dass die Leute auf einmal wie wild klatschten. Es war einfach irre, eine wahnsinnige Energie! Und ich habe immer schon gern eine Show hingelegt. Zu Hause habe ich Gäste imitiert, nachdem sie gegangen waren. Das brachte meine Eltern immer zum Lachen, und es war schön, diese Verbindung mit ihnen zu haben. Irgendwann wurde mir klar, dass man das beruflich machen konnte. Obwohl ich in Hollywood aufgewachsen war, ahnte ich das nicht – irgendwie dachte ich, es gäbe halt diese elitäre Gruppe von Menschen, die als Schauspieler auserwählt worden waren. Nein, es ist ein Beruf, den man studieren und einüben und sich hart erarbeiten muss! Ich habe es meinem Stiefbruder zu verdanken, dass er mich zu seinem Agenten mitnahm – der mich prompt ablehnte, genauso wie ein zweiter. Ein dritter nahm mich endlich, als ich zwölf war.

Der Weg zum Schauspielberuf ist mit ständigen Ablehnungen gepflastert. Bleiben da Narben?

Es ist schon hart. Man braucht viel Selbstvertrauen, man muss ganz bei sich und im Moment sein können, wenn man sich da präsentiert, das ist nicht leicht. Wenn mich junge Schauspieler um Rat fragen, sage ich immer: Ich bin erst Schauspieler geworden, als ich es nicht mehr sein wollte. Ich hatte die Schnauze voll. Ich wusste, ich kann der Sache den Rücken kehren. Und da klappte es plötzlich.

Das klingt ja sehr nach Zen.

Ja, oder? Aber damals war ich dreizehn oder vierzehn, und ein Jahr lang erfolglos um Jobs zu kämpfen, war hart. Irgendwann dachte ich: Ich muss mich vor diesen Leuten nicht beweisen. Es gibt noch andere Dinge im Leben; wenn sie mich nicht haben wollen, ist das auch okay. Und kaum hatte ich das zu mir gesagt, stellte sich eine gewisse Distanziertheit ein, die die Leute offenbar dazu brachte, mich haben zu wollen.

Sie haben die Filmindustrie überlistet!

Nein, aber als junger Schauspieler ist man ja oft übereifrig: Ich kann jonglieren, reiten, Ski fahren, Leute nachahmen – was soll ich für Sie tun? Mir hat diese Einstellung jedenfalls keinen Job verschafft, vielleicht, weil zu viele andere Leute um mich herum genau dasselbe machten. Offenbar wollten die etwas Individuelleres. Oder es war die Pubertät – wer weiß!

Was hat sich verändert seit Ihrer Jugend?

Ich bin schon stolz darauf, dass ich schon früh wusste, was ich machen wollte, und dass ich dabeigeblieben bin. Ich glaube, das ist meinem Vater anzurechnen, der mir die Wahl ließ und mich darin unterstützte. Ich bin ziemlich stolz auf die Entscheidungen, die ich als junger Schauspieler gefällt habe.

Welches Ziel haben Sie heute?

Das gleiche, das ich mit 15 schon hatte. Als ich meine erste große Rolle in „This Boy’s Life“ mit De Niro bekam, guckte ich neun Monate lang jeden Film, der mir unter die Finger kam. Wow, dachte ich, es gibt schon ganz schön große Sachen da draußen – was kann ich beitragen? Aber sich selbst kann man natürlich erst viel später, im Rückblick, einordnen. Jetzt kann ich zwanzig Jahre zurückschauen und sagen: Ja, das war ganz gut, oder nee, das hätte viel besser sein können. Meine Lieblingsfilme drehen sich um die dunkleren Seiten der menschlichen Psyche – „Citizen Kane“, „Good Fellas“, „There Will Be Blood“ und so weiter. Vielleicht können wir aus ihnen etwas über uns lernen – oder zumindest uns ein Stückchen analysieren.

Sie sind ein Superstar. Was bedeutet das eigentlich für Sie?

Ich befinde mich in einer sehr privilegierten Lage. Ich könnte auf meinem Hintern sitzen und traditionelle Filme machen, aber das wäre, glaube ich, eine Verschwendung der Möglichkeiten, die mir gegeben sind. Ich versuche lieber Projekte finanziert zu bekommen, die ein bisschen anders sind. Ich glaube nicht, dass ich heute noch Filme wie „The Aviator“ oder „Blood Diamond“ finanzieren könnte. Es gibt inzwischen eine Studioformel mit einer bestimmten Standardsituation und einer gewissen Anzahl von Explosionen, an die man sich zu halten hat. Höchstens wenn man ein klitzekleines Budget vorschlägt, macht das Studio den Film vielleicht, als Gefallen oder so. Gott sei Dank gibt es vermögende Menschen, die Filme lieben und die Lücke füllen.

Ihr vierzigster Geburtstag steht vor der Tür. Ist das ein großes Ding?

Ich fühle mich nicht wie vierzig. Aber ich werde dieses Jahr – nein, nächstes Jahr, 2014! – vierzig, so viel steht fest. Es ist schon eine ziemlich große Zahl, und ich vermute, in den Augen einiger Menschen ist das ziemlich alt. In der Generation meines Vaters war vierzig in jedem Fall eine andere Zahl als in meiner. Ich lass’ es auf mich zukommen.

Gehen Ihnen Ihre Eltern schon auf die Nerven? „Wo ist die Familie, Leo, wo bleiben die Enkel“?

Nein, meine Eltern sind da ganz entspannt, die haben immer gesagt, bestimme du, wann die Zeit reif ist. Ob ich eine Familie gründe oder nicht zu diesem Zeitpunkt, ist für sie kein Thema. Ich glaube sogar, sie wären ebenso einverstanden, wenn ich die Schauspielerei insgesamt aufgeben würde. Sie haben mich immer großzügig unterstützt und mir immer erlaubt, mir meinen eigenen Weg zu bahnen. Das ist ziemlich cool.

Ihre Mutter ist Deutsche, Ihr Vater ist deutsch-italienischer Abstammung. Schlägt sich das in Ihrem Leben noch nieder?

Hell, yeah! Und wie! Das Deutsche kommt vor allem von meiner Mutter und meiner Oma, die immer schonungslos ehrlich mit mir waren. Meine Freunde wissen, wenn sie zu uns nach Hause kommen, dass meine Mutter kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie sagt immer, was sie denkt, und sie ist nicht im Geringsten beeindruckt von all dem Hollywood-Zirkus. Das geht wiederum auf meine Oma zurück, die war echt eine Marke. Ich liebe das sehr an ihnen, die beiden haben mich am Boden gehalten. Meine Oma hat oft zu mir gesagt: Leo, warum hängst du diese Schauspielerei nicht an den Nagel und gehst mauern oder Fliesen legen? Ich sagte: Aber Oma, das ist doch eine tolle Gelegenheit für mich! Und sie sagte: Ach was. Benutz mal deine Hände ein bisschen!

Der Agent kommt aus dem Nebenzimmer und unterbricht das Gespräch. Zeit zu gehen. Der japanische Kollege verlässt den Raum, ich reiche DiCaprio die Hand zum Abschied und sage: „Fünf Uhr, ist längst Zeit für Kaffee und Kuchen.“ Der Agent guckt mich verständnislos an, aber DiCaprios Augen leuchten auf.

Kaffee und Kuchen! Ja, das war immer ein unverzichtbares Ritual, wenn wir bei Oma in Deutschland waren. Egal, was wir tagsüber vorhatten – nachmittags gab’s Kaffee und Kuchen. Mmmmh, Stachelbeertorte ... – und Pflaumenkuchen! Das war mein Favorit. Ich liebe warmen Pflaumenkuchen! Das vermisse ich sehr.

Der Agent führt mich zur Tür. Die beiden Leibwächter im Flur, die aussehen wie Zwillinge von Vin Diesel, treten zur Seite. Dann hat mich die profane Welt wieder.

*

DEUTSCHE INTERVIEWS & ARTIKEL

THE WOLF OF WALL STREET

MAIN