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Die Welt - 29.12.13

 

Leonardo DiCaprio "fasziniert die dunkle Seite"

Er ist der Liebling der Frauen: Leonardo DiCaprio. Sein Herz aber gehört dem Umweltschutz – und der Schauspielerei. Jetzt spricht er über Mafia-Typen, Drogentrips und wovor er eine Mordsangst hat.

von Martin Scholz

 

Er geht am Krückstock, als er zum Gespräch in den Raum humpelt und langsam den für ihn reservierten Sitzplatz ansteuert. Bevor Leonardo DiCaprio irgendetwas dazu sagen kann, wird er noch von einem anderen Handicap geplagt: Die untergehende Sonne scheint ihm hier oben, im 39. Stock eines Luxushotels mit Blick auf den New Yorker Central Park, direkt ins Gesicht. Kaum hat er die Augen zusammengekniffen, hat das Personal auch schon die Vorhänge zugezogen. So geht das, wenn man Leonardo DiCaprio ist, einer der größten Stars Hollywoods.

In seinem neuen, von Martin Scorsese inszenierten Film "The Wolf Of Wall Street" spielt der 39-Jährige den New Yorker Finanzjongleur Jordan Belfort. Der hatte es in den 90er-Jahren zum Multimillionär gebracht und ein dekadentes Leben mit Sex, Drogen und Motoryachten geführt. Dann wurde er wegen Wertpapierbetrügereien und Geldwäsche zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Darüber will DiCaprio sprechen, aber noch ist er nicht so weit. Er hat erkennbar Mühe, sich an seinem Platz niederzulassen, weil er offenbar unsicher ist, wie er das mit oder ohne Krückstock anstellen soll.

 

Welt am Sonntag: Brauchen Sie Hilfe beim Hinsetzen, sollen wir Sie stützen?

Leonardo DiCaprio: Nein danke. Es geht schon. Kein Problem.

Er stellt seinen Krückstock vor sich an den Tisch, greift erst mit der einen, dann mit der anderen Hand die Stuhllehnen, lässt sich sacken, hält die Luft an und presst dann ein "Hello erst mal" heraus.

Welt am Sonntag: Als Sie mit Ihrem Stock hereinkamen, dachten wir, Sie würden für eine neue Rolle proben.

DiCaprio: Nein, nein. Ich habe mir ganz profan den Knöchel verstaucht. Nicht zu ändern.

Welt am Sonntag: So, wie Sie jetzt da sitzen, geben Sie den größtmöglichen Kontrast zu der Breakdance-Einlage in Ihrem neuen Film ab.

DiCaprio: Das war ja keine große Sache. Ich habe schon Breakdance gemacht, als ich noch zur Grundschule ging. Was allerdings zunächst ein Nachteil war, als ich versuchte, in der Schauspielbranche Fuß zu fassen. Weil ich diesen idiotischen Breakdancer-Haarschnitt trug, noch dazu Breakdancer-Klamotten, wollte mich partout kein Agent vertreten. Die haben mich, so wie ich damals aussah, einfach nicht akzeptiert. Ich musste also ein paar Dinge ändern, noch ein paar Mal wiederkommen – mit 13 hatte ich dann einen Agenten.

Welt am Sonntag: Wo wir gerade über extreme Körpereinsätze reden: In "Der Wolf der Wall Street" porträtieren Sie den kriminellen Finanzjongleur Jordan Belfort. Er motiviert seine Mitarbeiter mit Sex, Breakdance und Drogen. Als er mal zu viele Tabletten genommen hat, verliert er die Kontrolle, kann nicht mehr gehen und sprechen. Da sehen wir Sie dann mehrere Minuten lang über die Leinwand kriechen. So komisch waren Sie selten.

DiCaprio: Fanden Sie das lustig?

Welt am Sonntag: Ehrlich gesagt, ja. Im Kino haben Leute laut gelacht.

DiCaprio: Es war sehr schwer, das zu spielen. Ich hatte mir jetzt nicht unbedingt vorgenommen, daraus eine Comedy-Einlage zu machen. Aber gut. Ich hatte mich oft mit Jordan Belfort getroffen. Er hat mir sehr genau beschrieben, wie diese Methaqualon-Tabletten wirkten, die er damals ständig geschluckt hat. Dein ganzer Körper fällt in sich zusammen. Gleichzeitig glaubst du, dass du klar sprichst und Herr deiner Sinne bist. Es ist der ultimative Kontrollverlust. Zur Vorbereitung habe ich mir einfach einen YouTube-Clip über den vielleicht besoffensten Menschen der Welt angesehen. Wir haben drei Tage an dieser Szene gearbeitet, ich bin die ganze Zeit über den Boden gekrochen, habe versucht, meine Arme und Beine nicht mehr zu benutzen. Danach war ich eine Woche lang ziemlich im Eimer.

Welt am Sonntag: Sie haben in diesem Jahr drei große Filme hintereinander veröffentlicht: Quentin Tarantinos "Django Unchained", "Der große Gatsby" von Baz Luhrmann und Martin Scorseses "Der Wolf der Wall Street", der gerade in den USA in die Kinos kommt. Wie dürfen wir uns Leonardo DiCaprio an Silvester vorstellen, wenn er auf ein Jahr wie dieses zurückblickt? Wie Ihren Film-Gatsby – das Cocktailglas erhebend, während im Hintergrund ein Riesenfeuerwerk loskracht?

DiCaprio: Also am Ende dieses Jahres fühle ich mich eher so, als hätte ich nonstop gearbeitet, seit ich 13 bin. Ich muss mal eine Auszeit nehmen. Dieses Jahr war wie ein einziger Adrenalinschub. Es ist viel zusammengekommen – aber es waren eben sehr reizvolle Projekte. Die ersten Ideen zum "Wolf der Wall Street" hatte ich ja schon vor Jahren begonnen, aber erst jetzt ergab es sich, dass Martin Scorsese und ich gemeinsam Zeit hatten.

Welt am Sonntag: Sie haben in diesen drei Filmen ausnahmslos reiche amerikanische Exzentriker gespielt. Was fasziniert Sie daran, von einem abgründigen Charakter zum nächsten zu wechseln?

DiCaprio: Mich fasziniert die dunkle Seite. Alle diese Charaktere werden von Gier, Hass oder Geltungssucht angetrieben. Wobei man Jay Gatsby da ein bisschen rausnehmen muss. Er strebt den Reichtum ja aus romantischen Gründen an, weil er einer früheren Liebe, einer reichen Frau, gefallen will. Es ist befreiender, einen Bösen zu spielen, weil ich in meinem Spiel nicht von Zwängen oder Regeln zurückgehalten werde.

Welt am Sonntag: Was ist befreiend daran, einen Bösen wie im "Wolf der Wall Street" zu spielen?

DiCaprio: Ich meine das in dem Sinne, dass wir nicht versucht haben, seine Menschenverachtung abzufedern, indem wir beispielsweise durch Rückblicke auf eine schwere Kindheit oder so was verweisen. Wir wollten nichts beschönigen, keine Sympathie für ihn erzeugen. Wir zeigen einen durch und durch rücksichtslosen Menschen. Das wollte erst kein Hollywood-Studio produzieren. Nach langer Suche hatten wir mit Red Grant einen Partner, der uns absolute künstlerische Freiheit garantierte. Sie sagten: Zeigt uns diesen Typen so authentisch wie möglich. Es war ein Experiment. Denn Martin und ich, wir wussten nicht, wohin uns diese Charaktere führen würden.

Welt am Sonntag: Das klingt, als hätten Sie sich diesem hedonistischen Größenwahnsinnigen voll und ganz ausgesetzt. Müssen wir uns Sorgen um Sie machen?

DiCaprio: Es überrascht mich immer wieder, wie mich solche Figuren zu den dunkelsten Orten der menschlichen Seele führen. So entstand unsere authentische Version dieses römischen Imperators, dieses modernen Caligulas. Ich kam mir vor wie ein Kult-Führer, ja. Wie jemand, der seine Truppe motiviert, in die Schlacht zu ziehen. Er war wie ein Rockstar, hat die Bewunderung, die ihm entgegenschlug, schamlos ausgenutzt. Ausgerechnet an dem Tag, als wir meine rauschende Motivationsrede aufnehmen wollten, kam dann auch noch Steven Spielberg an den Set. Da saßen sie dann – Spielberg und Scorsese nebeneinander – und sahen mir zu, wie ich mich mit der schwierigsten Stelle des Film abmühte.

Welt am Sonntag: Sie hatten doch mit Spielberg schon bei "Catch Me If You Can" zusammengearbeitet.

DiCaprio: Ja, aber glauben Sie mir: Es ist ziemlich anstrengend, wenn Ihnen Spielberg und Scorsese bei der Arbeit zusehen. Mir war mulmig zumute. Ich habe mich einfach nur auf meine Szene konzentriert, darauf, diesen bizarren Kriegsschrei zu erzeugen. Alle anderen am Set waren ähnlich angespannt: "Oh mein Gott", sagten sie, "es ist nervenaufreibend genug, für Martin Scorsese zu agieren, jetzt sitzt noch Spielberg neben ihm und analysiert uns." Das war kein Tag, den man so schnell vergisst.

Welt am Sonntag: "Wolf of Wall Street" ist bereits Ihre fünfte Zusammenarbeit mit Martin Scorsese. Was bringt Sie beide immer wieder zusammen?

DiCaprio: Ich finde es faszinierend, dass er durch seine Schauspieler erst allmählich begreift, wie der Film überhaupt werden wird. Diesmal war er wagemutiger als je zuvor. Er hat sich mehr als je zuvor von den Drehbüchern entfernt und uns improvisieren lassen. Eine meiner absoluten Lieblingsszenen der gesamten Filmgeschichte stammt aus Martins Film "Goodfellas". Es ist der Moment, in dem der von Joe Pesci gespielte Tommy mit Freunden an einem Tisch in einem Restaurant sitzt. Er erzählt Anekdoten und rastet plötzlich aus, weil ihm der von Ray Liotta dargestellte Henry sagt: "Tommy, du bist echt komisch!" "Was heißt, ich bin komisch? Meinst du wirklich, ich bin komisch? Amüsierst du dich etwa über mich?" "Tommy, ... du weißt halt, wie man Geschichten erzählt... mit dem ganzen Drum und Dran." "Nein, du sagst, dass ich das weiß. Was heißt, du findest mich komisch? Bin ich dein Clown?"

Welt am Sonntag: Sie könnten das gut als Ein-Mann-Theater nachspielen.

DiCaprio: Ich kenne diese Szene auswendig. Ich liebe sie, weil sie ausdrückt, unter welcher Spannung diese Mafia-Typen die ganze Zeit stehen. In einem Moment trinken sie noch als Kumpel an der Bar, kurz darauf schießt der eine dem anderen in den Kopf, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. Ich habe Martin gefragt: "Wie hast du das nur hinbekommen?" Er sagte nur: "Das stand so gar nicht im Drehbuch. Die Schauspieler setzten sich an den Tisch, improvisierten, am Ende ließen sie es eskalieren." Ich war perplex. "Und was hast du als Regisseur in dem Augenblick gemacht? Hast du sie einfach drauflosspielen lassen?!" Er sagte nur: "Genau so war's".

Welt am Sonntag: Die Planung für diesen Film begann vor der Finanzkrise von 2008. Gedreht wurde in diesem Jahr, die Folgen der Krise bestimmen immer noch die Schlagzeilen. Ist der Film auch ein politisches Statement von Ihnen?

DiCaprio: Wir haben diesen Film nicht primär deshalb gemacht, um zu zeigen, wie verderblich die Wall Street ist. Das wissen ja längst alle. Gier ist eine menschliche Eigenschaft, sie kommt nicht nur in der Finanzwelt vor. Diese Broker, die wir porträtieren, sind Wölfe im Wolfspelz. So war das noch in den 90ern: Sie fuhren Porsche, nahmen Drogen, feierten Sex-Orgien. Viel gefährlicher sind jene Wölfe im Schafspelz, denen man die exzessive Gier nicht so ansieht wie Belfort und seinen Kollegen. Belfort hat Einzelne um Millionen abgezockt. Seitdem haben Banken ganze Länder in den Bankrott getrieben und die Weltwirtschaft in ein Krise gestürzt.

Welt am Sonntag: Sie haben sich mehrfach mit Belfort getroffen, Sie saßen ihm nicht nur als Schauspieler gegenüber, der sein Sujet studiert. Sie sind nebenberuflich politischer Aktivist, der auch mal Profitgier von Konzernchefs attackiert. Haben Sie mit Belfort gestritten?

DiCaprio: Er ist heute ein anderer Mensch. Er zeichnet ein sehr negatives Bild von sich, versucht nicht, seine kriminellen Handlungen im Nachhinein zu verklären oder zu rechtfertigen. Das hat mir imponiert. Ich kann allerdings nicht erkennen, dass im Moment viele bereit wären, seinem Beispiel zu folgen. Welche Konsequenzen wurden denn aus dem Crash von 2008 gezogen? Keine. Es geht alles weiter wie bisher.

Welt am Sonntag: Es werden keine Lehren aus der Geschichte gezogen?

DiCaprio: Nein. Die Gier treibt uns immer weiter. Vor Kurzem kamen die Meldungen, als würden wir und der Rest der Welt nicht mehr aus dem Schuldenloch herauskommen. Scheiße! Sehen Sie sich hier in New York doch mal um. Die Apartment-Preise haben sich hier zuletzt vervierfacht, und die Leute kaufen sie trotzdem. Das ergibt für mich alles keinen Sinn. Mein Eindruck ist, dass das Internet diese Gier noch mal verstärkt und beschleunigt hat: weil unser Wunsch, etwas zu besitzen, sofort gestillt werden kann. Das Tempo, das uns das Netz und die sozialen Netzwerke vorgeben, ist selbst für meine Generation verrückt. Alles ist sofort online. Das hat zweifellos auch positive Auswirkungen. Aber es ist schon ein Wahnsinn. Manchmal frage ich mich, wo das alles noch hinführen wird.

Welt am Sonntag: Sie engagieren sich mit einer Stiftung für den Klimaschutz und bedrohte Tierarten wie den Tiger. Kürzlich haben Sie Schlagzeilen gemacht als Mitbegründer eines Rennstalls für Elektroautos, die bald bei der ersten E-Weltmeisterschaft starten. Was treibt Sie da an?

DiCaprio: Sehen Sie, wir alle nehmen Ideale aus unserer Jugend mit in unser Erwachsenenleben. Umweltschutz ist neben der Schauspielerei meine große Leidenschaft.

Welt am Sonntag: Umweltschützer werden – das war Ihr Traumjob als Jugendlicher?

DiCaprio: Wenn ich nicht Schauspieler geworden wäre, wäre ich am liebsten Biologe geworden. Keine Ahnung, wie weit ich es da gebracht hätte. Es ist eine große Tragödie, dass wir unsere Umwelt in unglaublich rasantem Tempo weiter zerstören. Nur: Der Klimawandel interessiert doch kaum noch jemanden. Eine Zeit lang war es ein viel diskutiertes Thema, mit Titelgeschichten allerorten, wie die Welt grüner wird.

Welt am Sonntag: Sie meinen, das war nichts anderes als ein Medien-Hype?

DiCaprio: Was ist denn groß passiert? Wir machen mehr Ölbohrungen denn je. Nehmen Sie nur den umstrittenen Abbau von Ölsand in Kanada, der fatale Auswirkungen auf das globale wie örtliche Ökosystem hat. Ist alles bekannt. Sie machen trotzdem weiter. Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. Wir zerstören systematisch einige der schönsten Regionen dieser Erde.

Welt am Sonntag: Klingt resigniert.

DiCaprio: Es nervt mich, dass wir wieder in überwunden geglaubte Zeiten zurückfallen und so tun, als seien Ressourcen grenzenlos. Das jagt mir eine Mordsangst ein.

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