Cinema - März 2003

 

"Schauspieler sind alle Gauner"

Leonardo 1999

Interview mit Leonardo DiCaprio

von Roland Huschke und Scott Orlin

 

Er muss es wissen - in "Catch Me If You Can" spielt er schließlich Amerikas größten Hochstapler: Leonardo DiCaprio. Im CINEMA-Gespräch bekennt Leo sich zu seinem Vorbild Frank Abagnale, Jr. ("unschuldig wie ein Lehrer"), eigenen Lügen ("Mathe? Fürchterlich!") und seinem Vater ("Buddha"). Wir glauben DiCaprio jedes Wort.

 

Er trägt Schauz und Ziegenbärtchen wie seine Figur Amsterdam Vallon in Martin Scorsese's Epos "Gangs of New York". Er wirkt jedoch bei weitem nicht so bullig, allerdings auch nicht so knabenhaft wie in "Catch Me If You Can". Oder wie es Cameron Diaz, sein Co-Star in "Gangs of New York", formuliert hat: "Er ist kein kleiner Junge mehr. Die Art, wie ihn die Leute in der Vergangenheit wahrgenommen haben, wird bald wie weggeblasen sein." Schlecht für die letzten Überlebenden der "Titanic"-Hysterie, aber gut für Leonardo Wilhelm DiCaprio, 28. Ganz im Bewustsein, dass der Anfang des Kinojahres 2003 allein ihm gehört, nimmt er im New Yorker Regency Hotel lässig zurückgelehnt Fragen entgegen.

Wie war Ihr allererster Eindruck von Frank Abagnale?

Nicht in einer Million Jahre hätte ich geglaubt, dass dieser Typ auch nur eine Briefmarke klauen könnte. Er wirkt so unschuldig wie ein Schullehrer.

Haben Sie ihn studiert? Und haben Sie Ähnlichkeiten mit sich selbst erkannt?

Ich habe ihn einige Tage mit dem Notizblock begleitet. Es gibt definitiv eine Verwandschaft zwischen Schauspielern und Betrügern. Doch Frank setzt sein Talent unbewusst ein. So hält er immer den Blickkontakt, wenn er mit jemandem redet. Und als ich ihn bat, mir zu zeigen, wie er bei seinen Betrügereien vorging, wählte er eine Telefonnummer und nahm augenblicklich diesen Südstaaten-Dialekt an. Ihm war instinktiv klar, dass ein Südstaaten-Dialekt Autorität verleiht. Das ist die Kunst des Irreführens, die mein Job mit dem eines Magiers oder Gauners gemein hat - obwohl ich bezweifle, dass wir Menschen in unserer Rollenwahl absolut frei sind. Letztlich bestimmen Moral und Bedürfnisse unser Handeln.

Haben Sie Ihr Talent je missbraucht?

Das Schlimmste, was ich je getan habe, war, meinen Lehrern etwas vorzumachen. Ich hatte immer schlechte Noten, Mathe war fürchterlich. Also nutzte ich ein paar Manipulationstechniken, um Entschuldigungen hervorzuzaubern, die nicht wahr waren. Ich wurde sehr emotional un weinte manchmal. Bitte ersparen Sie mir weitere Details !

Können Sie als Schauspieler Betrüger leichter entlarven?

Ich arbeite daran. Natürlich halte ich jeden neuen Bekannten erstmal für unschuldig. Aber gerade seit "Titanic" hat es jedes Jahr in meinem näheren Umfeld einen Menschen gegeben, der sich leider als unehrlich erwies und zu dem ich jeglichen Kontkt abbrechen musste. Andrerseits rückt man noch enger mit den Freunden zusammen, die man schon seit Ewigkeiten hat.

Oder der Familie. Welchen Einfluss haben Ihre Eltern auf sie?

Meine Mutter ist eine deutsche Immigrantin und kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika. Sie wurde in einem Bombenkeller geboren. Ihre Erinnerungen haben mir bei "Gangs of New York" sehr geholfen, da ich die Not der Flüchtlinge besser verstand und wie es ist, wenn einme in der Neuen Welt ein wichtiger Teil fehlt. Sie ist einer der liebevollsten und am härtesten arbeitenden Menschen, die ich kenne. Sie hat täglich vier Stunden damit verbracht, mich zur bestmöglichen Schule zu fahren. Ihr ganzes Leben hat sie versucht, das Beste für mich zu tun. Ich liebe sie über alles. Mein Vater hat wie kein anderer meine Karriere beeinflusst. Er hat einen ganz besonderen Geschmack, was Kunst, Architektur und Film angeht. Ich höre auf seinen Rat, er ist eine Art weiser Buddha für mich. Einen klügeren Menschen als ihn habe ich nie getroffen, und ich bin sehr glücklich, ihn als Vater zu haben.

Wie Abagnale sind Sie ein Scheidungskind.

Aber ich habe das Beste aus beiden Welten bekommen. Zwar haben sich meine Eltern getrennt, doch sie waren in jeder Hinsicht echte Eltern für mich. Einen großen Teil meines Lebens wohnten sie nur eine Straße voneinander entfernt, ich konnte also direkt durch den Hinterhof rüber zum anderen Haus gehen. Wenn ich von dem einen nicht bekam, was ich wollte, bin ich immer rüber zum anderen gerannt (lacht).

Dieses Prinzip klingt bekannt: Warum haben Sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, nachdem es schien, als wollten Sie keine Party auslassen?

Zunächst nur eines: Nur weil irgendwer schreibt, dass ich mich irgendwo aufgehalten habe, muss das nicht stimmen. Viele Clubs lancieren die Namen von Stars, um ihre Läden in die Presse zu bringen. Was nicht heißt, dass ich die Zeit bereue, in der ich öfter unterwegs war. Als junger Mann will ich erleben, wozu ich Lust habe, und keine Paparazzi-Kolonne kann mich daran hindern.

Haben Sie gelernt, mit Ihrer Berühmtheit umzugehen?

Ich bin jetzt seit zwölf Jahren in diesem Geschäft. Ich weiß noch, wie ich meinen ersten Film gedreht habe: "This Boy's Life" mit Robert De Niro. Ich kannte damals weder "Taxi Driver" noch "Wie ein wilder Stier". In meiner Ignoranz habe ich mich beim Vorsprechen direkt neben De Niro gestellt. Mir fehlte die Angst und das hat mir geholfen, durch die Rolle und den ganzen Filmprozess zu gehen. Viele Leute sind kein gutes Beispiel für den Umgang mit dem Ruhm. Aber Steven Spielberg und Tom Hanks haben mir gezeigt, was es heißt, richtig professionell zu sein. Der größte Regisseur und der größte Schauspieler - aber sie haben sich die Fähigkeit bewahrt, mit Menschen menschlich umzugehen. Ohne jemanden niederzumachen oder vorzuführen.

Und wie geht es weiter mit Ihnen?

Der ganze Rummel um "Titanic" machte mir die Prioritäten des Geschäfts klar. Man mag sich sehnen nach dieser Anerkennung, aber der Menschenverstand sagt doch, wie flüchtig dieser Hype ist. Die kreischenden Kids werden erwachsen - und ich auch. Bestand hingegen hat nur die Arbeit, die Menschen unter die Haut zu gehen versucht. Es gibt so viel Geld in Hollywood, da muss es möglich sein, Risiken einzugehen und intelligente Filme zu wagen. Ich will mir jedenfalls nicht in zehn oder fünfzehn Jahren vorwerfen, das nicht versucht zu haben.

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