cinema Oktober 1995

 

New York * Mailand * Erkenschwick

 

Da sage noch mal einer was gegen die Jugend von heute.

Denn mit seinen 20 Lenzen behauptete sich Leonaro DiCaprio bereits neben Robert DeNiro, erhielt für "Gilbert Grape" eine Oscar-Nominierung und dreht brisante Filme wie die Junkie-Ballade "Jim Carroll", wenn er nicht gerade in 80 Stunden um die Welt jettet.

Für CINEMA legte der rastlose Wunderknabe eine Interview-Pause ein ...

 

 

 

Interview: Roland Huschke

 

Wie man hört, kommen Sie gerade aus Mailand.

Ja, ich bin von Armani als Gast seiner neuen Show eingeladen worden - eine sehr seltsame Veranstaltung.

Sind die Leute in der Modebranche etwa noch gestörter als Filmleute?

Allerdings. Noch nie habe ich eine prätentiösere Feier erlebt. Alle Anwesenden gebärdeten sich wie kleine Götter, und die Italiener schrien sich bizarrerweise ständig an.

Dieses Lebensgefühl sollten Sie doch aus New York kennen, wo Sie sich seit dem "Jim Carroll"-Dreh bevorzugt aufhalten.

Ich bin zwar in Los Angeles aufgewachsen und habe vorher immer gezetert, wenn jemand Kalifornien als Plastikland bezeichnet hat. Doch dann genügte tatsächlich eine Woche New York, um sofort dorthin übersiedeln zu wollen. Die Stadt hat schöne Frauen, coole Leute und die beste Underground-Kultur der Welt - und vor allem muß man nicht dauernd gegenüber jedermann so scheißfreundlich sein wie in L.A.

Und was steht heute auf dem Reiseplan?

Erkenschwick.

Wie bitte?

45739 Erkenschwick, ein Städtchen nahe Recklinghausen. Dort lebt meine Oma, da meine Mutter aus Deutschland stammt. Und ich muß schon sagen, die deutschen Kids gefallen mir. Ich spiele ihnen ein bißchen den kleinen Mr. USA vor, und im Gegenzug bringen sie mir Redensarten und Schimpfwörter bei.

Gibt es eine unanständige Lieblingsvokabel?

Nun ja, da geht es um Dinge, die man mit dem Hinterteil oder mit seiner Mutter anstellen kann.

Abgesehen von dieser kulturellen Horizonterweiterung durch häufiges Reisen, was hat sich noch in Ihrem Leben geändert, seit Sie durch "This Boy´s Life" und "Gilbert Grape" bekannt geworden sind?

Im Gegensatz zu früher kann ich sicher nicht mehr allzu leichtfertig daherreden oder mich in der Öffentlichkeit daneben benehmen. Aber im großen und ganzen gelingt es mir, ein weitgehend normales Lebn zu führen und den Kontakt zu alten Freunden zu halten.

Man hört immer wieder von Jung-Stars, die ihrem Ruhm zum Opfer fallen - Drogen, Reichtum, große Egos. Sind Sie mit solcherlei Problemen konfrontiert?

Ich vermeide diese Situationen weitestgehend, obwohl ich natürlich auf Kollegen treffe, die zu schnell zu viel leben wollen und fast ausgebrannt sind. Doch in die Drogenfalle gerät man zum Beispiel erst durch Ignoranz und Neugier. Ist Heroinkonsum wirklich das beste Gefühl auf der Welt? Kann schon sein, aber ich weiß auch, daß es mein Leben ruinieren würde, und deswegen gerate ich gar nicht erst in Versuchung.

Was haben Sie von dem Ex-Junkie und Beatnik-Poeten Jim Carroll gelernt, den Sie jetzt verkörpern?

Daß man sich stets darüber im klaren sein sollte, welche Richtung man einschlägt. Denn es gibt immer mehrere Optionen. Für Jim hieß das damals: entweder eine Basketball- oder eine Heroin-Karriere. Nun, er wählte letztere und muß seitdem eine lebenslange Schlacht gegen die Sucht führen. Für ihn war es die Wahl zwischen Gut und Böse, und dieser Kontrast macht für mich auch den Reiz seiner Vorlage "The Basketball Diaries" aus.

Für den Film wurde die Tagebuch-Struktur in eine kohärente Story umgeschrieben. Was halten Sie von der Änderung?

Der Regisseur traf diese Entscheidung mit Rücksicht auf die jugendliche Zielgruppe des Films, der er eine geradlinige Story liefern wollte - mit Anfang, Moral und Ende. Künstlerisch wäre eine werkgeteue Carroll-Adaption sicher reizvoller gewesen, doch niemand hätte einen Film finanziert, der willkürliche Gedankenblitze anstelle eines Plots zeigt.

Am Ende des Films wird Carroll sehr abrupt von der Sucht erlöst - halten Sie das für glaubwürdig?

Im Buch wird Carrolls Zustand offen gelassen, und wenn man dann die Fortsetzung liest, hängt er wieder an der Nadel: mit Warhol und Co. in den 70ern. Doch der Regisseur wollte pädagogisch arbeiten, und ich respektierediese Haltung. Auch wenn ich die Rolle angenommen hatte, weil mich besonders die Ehrlichkeit des Buches faszinierte.

Am Set gab es einen Ex-Süchtigen, den sogenannten "Drogen-Berater". Hat er Ihnen gezeigt, wie man die Stadien der Sucht schauspielerisch vermittelt?

Er beschrieb uns ins Detail, was die Droge mit Körper und Seele anstellt. Doch ich halte wenig von Recherchen oder Proben. Lieber lese ich ein, zwei Bücher zum Thema, und den Rest besorgt meine Vorstellungskraft.

Also kein Vergleich mit Ihrem "This Boy´s Life"-Partner Robert DeNiro?

Gewiß nicht. DeNiro schreibt über jede seiner Figuren komplette Romane, in denen er ihren imaginären Lebensweg niederlegt. Mehr Planung ist unmöglich. Ich bin hingegen besser, wenn ich beim Drehen spontan reagiere und vorher nicht so genau weiß, wie ich mich in einer Sequenz verhalten werde.

Sie wurden zuletzt als heißer Kandidat für die Projekte "Batman Forever", "James Dean" und "Romeo und Julia" gehandelt. Wie sind denn die jeweiligen Verhandlungen gelaufen?

"Batman Forever"-Regisseur Joel Schumacher wollte mich als Robin, doch ich bin kein Freund von Kommerzfilmen - sie sind der künstlerische Tod. Die "James Dean"-Bio ist noch nicht vom Tisch, aber noch hat das Studio keinen perfekten Regisseur gefunden, und der aktuelle Drehbuchentwurf schwankt zu sehr zwischen Idealisierung und Demontage Deans. "Romeo und Julia" schließlich wird in der Tat mein nächster Film sein - eine zeitlose Interpretation des Stoffes unter der Regie von "Strictly Ballroom"-Regisseur Baz Luhrmann.

Man kann fragen, wen man will - jeder hält Sie für den talentiertesten Schauspieler Ihrer Generation, und wir stimmen in diesem Punkt absolut zu. Aber gab es mal jemanden. der Sie für richtig schlecht hielt?

Gestern abend hat ein Mädchen behauptet, daß ich nicht gut aussehe - das war viel schlimmer. Aber was das Schauspielern angeht? Ich sage mir jeden Tag, daß ich mittelmäßig bin, und wenn ich meine Filme sehe, fallen mir stets nur endlos viele Fehler auf. Ich habe sicher noch einen langen Weg vor mir und werde mich nie auf die Komplimente anderer Leute verlassen.

 

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