Cinema März 2000

Portrait Leonardo DiCaprio

 

No More

Mr. Ice Guy

Auferstanden aus der eisigen "Titanic" entführt uns Leo DiCaprio jetzt in die Hölle von "The Beach" - und rechnet ab mit Rampenlicht und Ruhm

 

 

von Brigitte Steinmetz

 

Ruhm ist ein häßliches Ding. Leonardo DiCaprio sei das furchtbarste aller Schicksale zugestoßen, bedauerte Sharon Stone ihren jungen Filmpartner aus "Schneller als der Tod". Und fügte den frommen Wunsch hinzu: "Ich hoffe, er überlebt es."

"Es" ist der Zustand, wenn die Reporter derselben Zeitschrift, die den "Titanic"-Herzbuben zu den 100 schönsten Menschen der Welt wählten, zwei Jahre einen "Freund seines Fitness-Trainers" im thailändischen Phuket aufstöbern und ihm die Aussage "his body bad" abringen. "Es" ist, wenn die juvenilen Leser des Twist-Magazins, die 1998 im Fahrwasser der Titanic noch für eine 15-minütige Leonardo-Erscheinung in Woody Allens "Celebrity" pilgerten, den Angebeteten 1999 mit 79 Prozent zu der Celebrity wählen, die endlich verschwinden soll.

Vielleicht sieht Leonardo DiCaprio deshalb ein bißchen mitgenommen aus. Blaß unter der Baseballkappe (verkehrtherum), die Augen noch kleiner als sonst. Er sei wahrscheinlich der schönste Mann der Welt, sagte Kate Winslet einmal über ihren Filmgeliebten, er verströme die Aura eines Genies, fand Robert DeNiro, als er den damals 17-jährigen beim Casting zu "This Boy´s Life" entdeckte - aber Leonardo leibhaftig hat nichts davon an sich. Immer noch viel mehr Junge als Mann, sitzt er in einer Suite des Four Seasons Beverly Hills, einen Teller kalter Pommes mit Ketchup vor sich, die Arme vor der Brust verschränkt, Regisseur Danny Boyle in Rufweite.

"The Beach" ist der erste Film, der sich allein auf die Zugkraft des Namens DiCaprio verläßt - eine der kleineren Herausforderungen bei der 45-Millionen-Dollar-Verfilmung des Buches von Alex Garland. "Der Film ergibt den kleinsten gemeinsamen Nenner von "Titanic" und "Trainspotting", lästert Leonardo: "Wasser und Drogen." Weniger komisch fand Boyles Haus-Darsteller Ewan McGregor die Entscheidung, die Rolle des Richard - im Roman Brite - mit einem amerikanischen Mädchenhelden zu besetzen, bestätigt DiCaprio, aber schließlich habe Englands Bestseller sich in den USA nur 15.000 Mal verkauft, und Boyle wollte internationales Interesse wecken.

Nun gelangen also ein amerikanischer Reisender und ein französisches Rucksackpärchen mit einer geheimnisvollen Karte an einen thailändischen Inselstrand, wo eine britisch regierte Post-Hippie-Kommune in falscher Eintracht mit einheimischen Haschisch-Bauern lebt.. Ihre Ankunft im Paradies hat katastrophale Folgen. Doch thailändische Umweltschützer behaupten, das Hollywood-Volk hätte in Wirklichkeit noch viel Schlimmeres angerichtet.

"Das ist ja Ironie", meint der Star mit resigniertem Kopfschütteln. "Ich drehe einen Film, der zeigt, wie beschissen es ist, die ganze Welt nach unseren westlichen Bedürfnissen einzurichten. Und der Presse fällt nichts Besseres ein, als mich an den Pranger zu stellen. Genau 19 Leute haben demonstriert, weil sie mich zu Werbezwecken benutzen konnten, weil sie mit meiner Person auf die Probleme in ihrem Land aufmerksam machen wollten. Dabei habe ich noch nie an einem Set gearbeitet, wo so viel Geld und Sorgfalt investiert wurde, um keine Spuren zu hinterlassen. Das steht natürlich nirgends, weil sich nur negative Schlagzeilen verkaufen."

Der Angriff auf Öko-Leo, neuerdings Gallionsfigur der Umweltinitiative "Earthday Day", mag auch ein verzweifelter Versuch sein, ihn zu öffentlichen Kommentaren zu nötigen. "Ich äußere mich grundsätzlich nicht zu den Lügen, die über mich verbreitet werden. Aber hier geht es um etwas, was mir wirklich am Herzen liegt."

In der Rolle des Richard kostet er verbotene Früchte - das Mädchen eines anderen und eine äältere Frau, der er nicht gewachsen ist. Imitiert die Kunst hier wieder mal das Leben? Immerhin wurde Leo von Paparazzi beim Kaffee mit Demi Moore erwischt, und er mußte sich auch den Vorwurf gefallen lassen, er habe Elizabeth Berkley ihrem Verlobten ausgespannt. "Versteh ich recht", lächelt er nachsichtig, "daß ich hier über mein Privatleben ausgefragt werde?" Gott behüte, war ja nur ein Test.

Leonardo Wilhelm DiCaprio lebt ganz einfach wie jeder 25-jährige, der 20 Millionen Dollar Honorar verprassen kann. Dann kommt zur Geburtstagparty halt Oliver Stone, die Mädels heißen Kate Moss oder Naomi Campbell, und die Kumpels werden auf Studiokosten gerne mal zu entlegenen Filmsets eingeflogen. Kein Hinweis auf fatales Heldengebaren. Keine Drogenexzesse, Flirts mit dem Tod oder schauerliche Scheidungen. "Wenn ich mich tatsächlich auf dem Weg der Selbstzerstörung befinden würde, ließe sich das nicht verheimlichen. Aber solange mich niemand mit einer Überdosis aus der Toilette eines Clubs trägt?"

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Das einzige, was Leonardo sich vorwerfen lassen muß, ist, Hollywoods unbegabtester Selbstdarsteller zu sein. Ein Rang, den er mit Harrison Ford teilt, und wie bei dem Alten funktioniert auch bei dem Jungen nur der Welt ältester Trick: Laß ihn von seiner Familie erzählen: Geben bei Ford die Kinder das Guckloch in seine private Welt frei, entspannt Leo erst auf Erwähnung von Oma und Mutter sichtbar. "Kennst du Oerkenschweig?" fragt er in lupenreinem Ruhrpott-Slang. "Das is´ ´ne halbe Stunde von Recklinghausen." Nein, nein, fließend spricht er die Sprache seiner Mutter nicht. Aber "Kaffee und Pflaumenkuchen" kann er bestellen. "Heiße Brötchen mit Butter und Marmelade" sind ihm unvergessen aus herrlichen Sommerferien bei der Großmutter in Deutschland.

Wenn der Junge, der mit seiner Mutter in der schlechten Gegend von Hollywood aufwuchs, von Deutschland erzählt, vom Pilzesammeln mit Oppa im Harz, von Fahrradtouren mit den Nachbarskindern, von dunklen Wäldern und Sauerkraut, klingt das wie aus den Memoiren eines schlesischen Vertriebenen. Aber nicht, daß er sich in seinen Erinnerungen verlieren würde: Nein, keine Küsse unter der Eiche. "Mein einziges deutsches Mädchen ist meine Mutter."

Irmelin DiDaprio hat wie Vater George, von dem sie seit 24 Jahren in Feundschaft getrennt lebt, den Sohn zum Beruf gemacht. Er sortiert die Skriptangebote, sie organisierte gerade "Leo-Fest", mit dem ihr Sohn internationalen Kurzfilmern im Internet ein Forum geben will. "Ich wünschte, ich wäre nur im entferntesten so wild, wie es meine Eltern waren", ist ein gernzitierter Seufzer des Hippiekindes - und viele Parties mit Puff Daddy und Kreuzfahrten mit Lebensabschnittsmodel Kristen Zang später besteht es immer noch darauf, so gar nichts Rebellisches an sich zu haben: "Wirklich, ich bin schüchtern."

Ein komischer Schüchterner. Leonardos Imitationstalent ist legendär, was hat er gelacht, kichert Boyle, wenn Leo ihn in Bangkok mit verstellter Stimme als Harvey Weinstein zu sprechen wünschte und er in Ehrfurcht vor dem Miramax-Studioboss am Telefon ins Stottern geriet. Leonardo knackt dazu gedankenverloren seine Fingergelenke, jedes einzeln, und dann noch einmal alle zehn. "Diese Imagepflege", knack, "ist mir so zuwider", knack, knack. "Ich wäre froh," knack, "wenn man mich in Ruhe ließe und meine Arbeit würdigte," knack, knack, knack.

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Das freilich fällt nicht schwer, weil Leonardo DiCaprio von früh an alles richtig gemacht hat. Erlesene Co-Stars wie Robert DeNiro in "This Boy´s Life", Meryl Streep und Diane Keaton in "Marvins Töchter" oder Jeremy Irons, Gérard Dépardieu und John Malkovich in "Der Mann mit der eisenen Maske" ersparen den Schauspiellehrer. Nach der Oscar-Nominierung für den behinderten Jungen in "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" hätten andere ihre Karriere auf kauzige Charaktere aufgebaut. Leonardo hingegen wechselte unbefangen in die Rolle des romntischen Liebhabers ("Romeo und Julia"). Und nach "Titanic" ließ er sich ein gutes Jahr Zeit, um "etwas zu finden, das ich wirklich liebe".

Im Anschluß an "The Beach" wird das nun Martin Scorseses irisches Gangsterepos "Gangs of New York" sein, wenn auch die ersehnte Wiedervereinigung mit Robert DeNiro an "Terminschwierigkeiten" scheiterte. Und auch die Sirenengesänge eines Francis Coppola (er könnte sich einen Leonardo in "Der Pate IV" vorstellen) oder George Lucas (er erwägt ihn als Anakin in "Star Wars: Episode 2") verhallen nicht ungehört. Gut, daß einer, der nach eigener Auskunft wasserscheu ist, nicht unbedacht ins Haifischbecken springt.

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