Brückenbauer - Oktober 1996

 

 

Ein Liebhaber von Tragödien

Ein Gespräch mit Leonardo DiCaprio, der bei den Berliner Filmfestspielen
für seine Rolle in «Romeo und Julia» den Darstellerpreis erhalten hat.

 

Tragödien sind Leonardo DiCaprios Spezialität: Mit 14 spielte er bereits einen Alkoholiker in der Seifenoper «Santa Barbara». 1993 versetzte er die Filmwelt in Staunen, als er in «This Boy's Life» als Opfer von Robert de Niros Jähzorn dem Star die Show stahl. Die erste «Oscar»-Nomination - für den Film «What's Eating Gilbert Grape» - liess nicht lange auf sich warten. DiCaprio spielt darin den geistig behinderten Bruder des Titelhelden, der von Johnny Depp verkörpert wird.

Nun packt der Sohn eines Italo-New-Yorkers und einer Deutschen seine wohl bisher schwierigste Rolle an: In seiner ersten Love-Story spielt er gleich den klassischen Liebhaber Romeo. Der «Brückenbauer» traf den 22jährigen vor der US-Premiere von «Romeo and Juliet» in Los Angeles und unterhielt sich mit ihm über Shakespeare, Romatik und Schiffbruch.


Brückenbauer: Normalerweise interessieren sich Jugendliche in Ihrem Alter nicht sonderlich für Shakespeare. Wieso wollten Sie Romeo trotzdem spielen?

Leonardo DiCaprio: Weil man mir versicherte, dass wir keine normale Version von «Romeo and Juliet» drehen würden. Niemand versteht dieses hochgestochene Englisch. Auch die früheren «Romeo und Julia»-Filme bestehen hauptsächlich aus langen Reden. Man kann es kaum erwarten, bis endlich mal einer mit dem Dolch zur Tat schreitet. Deshalb haben wir Shakespeare in unserer Version Hawaiihemden, Pistolen, Latinoatmosphäre und den amerikanischen Akzent untergejubelt.

Glauben Sie, dass das auf Jugendliche wirkt?

Ja, mehr als ich gedacht hätte.
Viele meiner Freunde haben gesagt, dass sie sich den Film nicht wegen der Geschichte von Romeo und Julia, sondern wegen des Stils ansehen wollen. Was immer die Kids lockt - mir kann's nur recht sein.

Halten Sie sich für einen Romeo?

Ich bin sicher nicht der Typ, der sich Hals über Kopf unsterblich verliebt. Bei mit geht's immer viel langsamer. Meine jetztige Freundin Kristin, mit der ich etwas länger als ein Jahr zusammen bin, ist meine erste längere Beziehung.

Was schätzen Sie an Kristin denn besonders?

Dass sie so gut aussieht (lacht) nein, nein, das ist nur der Grund, weshalb ich sie angesprochen habe. Sie ist einfach ein Schatz, das lieblichste Ding, das mir je über den Weg gelaufen ist. Sie hat eine beruhigende Wirkung auf mich und ist überhaupt nicht kompliziert. Mit komplizierten Frauen könnte ich nichts anfangen.

Beglücken Sie Ihre Freundin mit romantischen Gesten?

Ich kann mich nicht erinnern, auf einen Balkon geklettert zu sein. Ich habe ihr eine Uhr und Blumen geschenkt - und ein Ticket nach Mexiko, damit sie mich bei den Dreharbeiten besuchen konnte. Mehr fällt mir im Moment nicht ein.

Tragödien scheinen Ihnen zu liegen. In vielen Ihrer Rollen flirten Sie mit dem Tod. Sind Sie eine gemarterte Seele?

Nein, ich bin eigentlich ein glücklicher Typ. Aber es stimmt: Es ist kein richtiger DiCaprio-Film, wenn ich am Schluss nicht sterbe (kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf). Ich kann Ihnen sagen: Emotionsgeladene Szenen sind nicht einfach. «Romeo and Juliet» war ein besonders harter Brocken, denn Romeo ist fast ausschliesslich am Boden zerstört.

Wie bereiten Sie sich dann auf solche Szenen vor?

Um in diese Stimmung zu gelangen, brauche ich jeweils etwa zwanzig Minuten alleine in einer Ecke. So kann ich mir schreckliche Dinge vorstellen.

Was zum Beispiel?

Meistens hat es etwas damit zu tun, dass meinen Eltern etwas Schreckliches zustösst und sie dabei sterben.

Wohnen Sie noch immer bei Ihrem Vater und Ihrer Stiefmutter?

Nein, ich habe jetzt ein eigenes Apartment in Los Angeles.

Sie haben Ihre letzten Ferien mit Extremsportarten verbracht. Sind Sie ein Adrenalinjunkie?

Ich bin nicht besessen, wie die Typen im Film «Point Break», die es cool finden, ohne Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen. Ich wollte einfach wieder einmal einen normalen Sommer wie andere Jugendliche verbringen. Mit Fallschirmspringen und Bungee-Jumping habe ich nur mein Soll an Jugendaktivitäten nachgeholt.

Man hört, dass dabei der Fallschirm nicht aufgegangen sei.

Das war wirklich beängstigend. Gott sei Dank war es ein Tandemsprung. So konnte der Typ hinter mir den ersten Schirm wegschneiden. Als wir im freien Fall nach unten sausten, bin ich beinahe ausgerastet, bis sich endlich der zweite Schirm öffnete und wir sicher nach unten steuerten.

Am Boden steht Ihnen ja jede Tür offen: Kollegen überschütten Sie mit Komplimenten, Kritiker feiern Sie als den besten Schauspieler Ihrer Generation. Gibt es auch negative Seiten an Ihrem Beruf?

Was mir am meisten zu schaffen macht, ist das Alleinsein. Ich überrede deshalb immer einen Freund, mit mir zum Drehort zu kommen. Ich brauche jemanden, der mich wieder zurück in die Realität bringt. Deshalb zahle ich sicherheitshalber meinem Freund Jonah ein Gehalt, damit er mich als mein Assistent überallhin begleitet.

Und wie verdauen Sie negative Kritiken, wie es Ihr letzter Film «Total Eclipse» einstecken musste?

Dass ich Arthur Rimbaud spielen konnte, war mir wichtiger als die Kritiken. Ich bewundere ihn als einen jungen Künstler, der die französische Lyrik reformierte. Selbst wenn ich die Reaktion auf den Film schon im vornherein gekannt hätte, hätte ich die Rolle trotzdem angenommen.

Zurzeit spielen Sie in James Camerons Schiffbruch-Drama «Titanic» mit. Heisst das, dass Sie nun dem Lockruf des Mainstreamfilms nachgegeben haben?

Ich hatte immer Vorurteile gegen grosse Kassenknüller. Aber im Prinzip ist «Titanic» eine schöne Liebesgeschichte zwischen einem Pariser Künstler aus der dritten und einer englischen Aristokratin aus der ersten Schiffsklasse. Ich habe mir überlegt, ob ich in diesem Film mitwirken würde, wenn er ein kleineres Budget hätte. Die Antwort war ja. Also habe ich meine Vorurteile gegen dieses 115-Millionen-Dollar-Monumentalwerk buchstäblich über Bord geworfen.

Haben Sie auch Ambitionen, Actionhelden zu spielen?

Nein, ich will kein Superheld sein und mich auch nicht mit Monstern herumschlagen. «Titanic» passt mir, weil ich da einen Normalsterblichen in einer epischen Tragödie spielen kann.

Wie stellen Sie sich Ihre schauspielerische Zukunft nach dem Untergang der «Titanic» vor?

Ich möchte mit Meisterregisseuren wie Martin Scorsese arbeiten. Zudem will ich auch anfangen, selber Skripts in Auftrag zu geben und Regisseure zu suchen, die es mit mir zusammen umsetzen wollen. Ich bin es leid, nach dem Motto «Hier ist das Drehbuch, stell dich in die Warteschlange» immer der letzte zu sein, der von tollen Projekten etwas erfährt.

Interview: Marlène von Arx

 

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