Bravo Interview ~ Dezember 1997

 

Bravo Talkshow

Leonardo DiCaprio

Weihnachten besuche ich Oma in Germany

Leonaro DiCaprio (23) war bisher bei Interviews immer pünktlich, doch heute läßt er auf sich warten. "er muß noch geschminkt werden", vertröstet mich eine Dame von den "Fox Studios", in denen einige Szenen von Leonardos Film "Titanic" (started bei uns am 8. Januar) gedreht wurden. Nach fast einer Stunde taucht Leo im Konferenz-Zimmer im 54. Stock des vornehmen "Rhiga Royal Hotel" in Manhattan auf. "Ich bin ziemlich fertig", lächelt er gequält und läßt sich in einen Sessel fallen. "Ich habe den ganzen Tag Interviews gegeben, das ist anstrengender als einen Tag vor der Kamera zu stehen. Trotz Schminke sieht Leonardo im Gesicht bleich und müde aus. Seine Managerin bringt ihm einen Cappuccino. "Damit du wach bleibst", lacht sie. Doch Leonardo nimmt während des ganzen Interviews keinen Schluck, sondern rührt nur ab und zu in der Tasse herum.

BRAVO: Bisher warst du noch nie in einem großen Actionfilm zu sehen. Jetzt spielst du in "Titanic", mit 200 Millionen Mark einer der teuersten Filme, die Hauptrolle ...

Leonardo: Yeah, "Titanic" ist wirklich eine gigantische Produktion mit Mega-Action. Ich bin stolz, daß ich mitgemacht habe. Normalerweise mag ich diese Art von Filmen nicht besonders. Und bei "Titanic" habe ich nur zugestimmt, weil es auch um eine so rührende Liebesgeschichte geht (lacht). Jeder Dollar, der in den Streifen reingesteckt wurde, was es wert.

BRAVO: Warum faszinieren dich Love-Stories so stark?

Leonardo: Weil es um Gefühle geht - vor der Kamera die richtigen Emotionen rüberzubringen ist für jeden Schauspieler die größte Herausforderung! Auch in "Titanic" geht es um eine Art "Romeo & Julia"-Beziehung. Zwei junge Menschen, gegen deren Liebe wieder mal die ganze Welt ist, lernen sich kennen: Rose, gespielt von Kate Winslet, kommt aus einem reichen, vornehmen Haus - Jack Dawson, den ich darstelle, ist ein talentierter, aber armer Maler. Sie reist in der luxuriösen ersten Klasse auf der "Titanic", er in der dritten Klasse unten im Bauch des Schiffes, wo es keine Fenster gibt. Als die beiden sich sehen, fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen. Die erste Begegnung findet an Deck statt: Rose will sich das Leben nehmen, und Jack kommt zufällig dazu, als sie gerade über Bord springen will. Mich fasziniert das Tragische an der Story! Beide glauben so sehr an die Liebe, daß sie bereit sind, für sie alles aufzugeben und dafür sogar ihr Leben riskieren.

BRAVO: Würdest du auch für ein Mädchen dein Leben riskieren?

Leonardo: An die große Liebe glaube ich fest. Aber würde ich wirklich soweit gehen wie dieser Jack (denkt nach)? Ich weiß nicht - ich habe die große Liebe noch nicht erlebt.

BRAVO: Was war dein erster Eindruck, als du zum ersten Mal zum Set von "Titanic" nach Mexiko kamst?

Leonardo: Daß es kein Spaziergang im Park werden würde! Das Schiff, daß man da buchstäblich in den Sand gesetzt und mit hydraulischen Hebeausrüstungen versehen hatte, war gigantisch. Da wurde mir erst richtig bewußt, was mir bevorstand.

BRAVO: Was hat dich bei den Dreharbeiten genervt?

Leonardo (lacht): Wir drehten wochenlang Szenen, bei denen Kate und ich im Wasser stehen mußten! Natürlich war dasWasser nicht kalt. Dennoch war s unangenehm. Raus aus den nassen Klamotten, rein in die nassen Klamotten. Es waren Szenen, in denen wir im Wasser zwischen Hunderten von Passagieren im Nordatlantik trieben - die meisten bereits erfroren. Man hatte uns und den Komparsen das Gesicht grauweiß geschminkt und Wachs ins Haar geschmiert, damit es aussah, als wären wir bereits mit Eis verkrustet.

BRAVO: Die reiche Rose überlebt auf einem Stück Treibholz. Der arme Maler Jack ertrinkt. Irgendwie stirbst du immer in deinenFilmen. Suchst du bewußt nach solchen Todesrollen?

Leonardo (lacht herzlich): Mich zieht nicht der Tod an, sondern die Rolle. Und ich liebe Rollen, in denen man sein Leben für eine schöne Frau opfert.

BRAVO: Bist du ein Romantiker?

Leonardo: Ich glaube schon. Ein Romeo bin ich allerdings nicht. Ich bin noch zu jung und habe noch viel zu lernen. Ich weiß aber zumindest, was Girls romantisch finden.

BRAVO: Und das wäre?

Leonardo: Ein nettes Kompliment, Blumen oder ein Dinner bei Kerzenlicht.

BRAVO: Wie romantisch war dein Verhältnis zu Kate Winslet während der Dreharbeiten?

Leonardo: Ich weiß nicht, wieso man mich ständig danach fragt. Zwischen uns ist nichts gelaufen! Wir sind nur Kollegen, haben gut zusammengearbeitet und mochten uns sehr. Das war auch schon alles.

BRAVO: Aber auf der Leinwand knistert es so wunderschön zwischen euch ...

Leonardo: Das fasse ich als Kompliment auf. Stimmt, wir waren herrlich aufeinander eingespielt. Das lag einfach daran, daß wir beide das Talent des anderen respektierten. Außerdem hatten wir uns gemeinsam sehr intensiv auf unsere Rollen vorbereitet. Wir verstanden uns wirklich glänzend.

BRAVO: Hat Kate besser geküßt als Claire Danes in "Romeo & Julia"?

Leonardo: O Mann! Ein Filmkuß ist Business! Mit Romantik hat das aber nichts zu tun. Du gehst die Kußszene fünf-, sechsmal durch. Du denkst dabei an jede kleine Bewegung, du fragst dich aber nie, was du fühlst, wenn du die Lippen des anderen fühlst.

BRAVO: Claire Danes, Alicia Silverstone, Sharon Stone, Sarah Gilbert, Juliette Lewis - du hast so viele Frauen vor der Kamera geküßt, und da soll es keinen Unterschied geben?

Leonardo (überlegt und lächelt dann): Sharon Stone war ziemlich enttäuschend. Ich habe sie in dem Film "The Quick and the Dead" geküßt. Ich hatte etwas mehr bei Sharon erwartet. Sie begrabschte meinen Nacken, drückte ihre Lippen gegen meine und warf dann ihren Kopf zurück. Es war gar kein richtiger Kuß. Obendrein war´s auch noch viel zu kurz - nur zwei Takes! (grinst)

BRAVO: Die meisten deiner Fans sind Teenager, die dich nur von der Leinwand her kennen, aber nicht wissen, was für ein Mensch du privat bist. Gibt dir das nicht das Gefühl, eine Person mit zwei völlig verschiedenen Gesichtern zu sein?

Leonardo: Eine interessante Frage, weil ich darüber auch oft nachdenke. Ich fühle mich so losgelöst von all dem Zeug, was mit meiner öffentlichen Figur zu tun hat. Das gibt mir wirklich das Gefühl, zwei verschiedenen Persönlichkeiten zu besitzen. Die öffentliche Person ist, was ich höre und sehe, aber sie ist nicht Realität für mich. Realität ist nur meine private Person. Manchmal muß man aufpassen, daß man die beiden nicht miteinander verwechselt. Glaub mir, ich würde mich lieber verkriechen. Es ist beängstigend, was mit einem passiert, wenn man auf einmal bekannt ist. Die Leute erwarten plötzlich, daß man ein ganz bestimmter Typ ist, der man privat gar nicht sein kann.

BRAVO: Das ist der Preis deines Erfolges ...

Leonardo: Natürlich. Er hat auch sein Gutes. Man kann als Schauspieler wählen und ein gewichtiges Wort mitreden. Man wird überall bevorzugt behandelt. Daß man aber Mobszenen verursacht, wenn man eine gewisse Stargröße erreicht, das ist für mich beängstigend. Und es ist manchmal stressig, wenn ich beispielsweise in ein Museum gehen will und nicht mehr ungestört ein Gemälde bewundern kann.

BRAVO: Fühlst du dich isoliert, seit du ein berühmter Star bist?

Leonardo: Manchmal nervt es, ein Star zu sein. Zum Glück bin ich noch nicht soweit, daß ich kein normales Leben mehr führen könnte.

BRAVO: Gibt es einen Film, an den du dich am liebsten erinnerst?

Leonardo: Ja, "When Harry Met Sally"! Aber nicht, weil Meg Ryan beim Essen im Restaurant einen Orgasmus simulieren mußte (lacht). Sondern weil ich den Film bei meinem ersten Date sah. Es war eine süße kleine Spanierin. Sie hieß Cessi und ging in die achte Klasse. Aber ich hatte mich wie ein Idiot benommen. Ich starrte sie immer nur an und brachte kein Wort heraus. Wir haben uns nie wieder verabredet!

BRAVO: Hast du zur Zeit eine Freundin?

Leonardo: Ja, ich bin immer noch mit Kristin zusammen. Sie hat mit der Show-Branche überhaupt nichts zu tun. und will auch nicht im Rampenlicht stehen, deswegen gibt es kaum Fotos von uns beiden.

BRAVO: Letzte Frage - wann hast du deine Großmutter, die ja in Erkenschwick bei Recklinghausen lebt, zuletzt gesehen?

Leonardo: In London bei der Filmpremiere zu "Titanic". Ich habe sie extra einfliegen lasen. Sie war ganz begeistert und hatte am Schluß sogar Tränen in den Augen. Oma hat mich eingeladen, zu Weihnachten zu ihr nach Germany zu kommen ...

 

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