Bravo Interview - ca. 1996

 

Bravo Talkshow:

Leonardo DiCaprio:

In Germany kauf´ich mir immer die Bravo

 

 

Groß ist er und ein wenig schlaksig. Die Haare sind hinten kurz geschnitten, vorne fällt ihm der lange Pony fast in die Augen. Er trägt ein weißes T-Shirt, eine braune Hose und eine viel zu kurze, schwarze Lederjacke. Bei Leonardo DiCaprio (Sternzeichen: Skorpion) paßt nichts so richtig zusammen. Er will sich einfach nicht in die gängige Vorstellung eines glamourösen Hollywood-Stars fügen. Dabei gehört er neben Johnny Depp, Edward Furlong und Brad Pitt zu Hollywoods neuer, junger Schauspieler-Garde. Zur Zeit ist Leonardo bei uns in dem Streifen "Jim Carroll - In den Straßen von New York" (Originaltitel: "The Basketball Diaries") zusammen mit Marky Mark zu sehen. Zum Interview macht er es sich in einem abgewetzten Sessel im "Charlie Chaplin Theater" in den Raleigh Studios von Hollywood gemütlich ...

BRAVO: Du bist 20 und gehörst schon zu den erfolgreichsten Hollywood-Stars. Was ist das für ein Gefühl, wenn dir die Girls in Scharen hinterherlaufen?

Leonardo: Glaub mir, das ist mir gar nicht angenehm. Ich würde mich lieber verkriechen. Es ist beängstigend, was mit einem geschieht, wenn man auf einmal bekannt ist. Die Leute erwarten plötzlich, daß du ein ganz bestimmter Typ bist, der du privat gar nicht sein kannst.

BRAVO: In deinem neuen Film "Basketball Diaries" spielst du einen aufsässigen, jungen Basketball-Spieler, der seine Karriere durch Drogen ruiniert. Hast du selber Erfahrungen mit Drogen gemacht?

Leonardo: Nie. Von Drogen habe ich immer die Finger gelassen, weil ich weiß, wie gefährlich das Zeug ist. Bei mir in der Schule wurde damit gedealt, einige aus meiner Klasse waren schon mit fünfzehn abhängig. Das hat mich abgeschreckt.

BRAVO: Haben deine Kumpels dich nicht dazu überredet, das Zeug mal zu probieren?

Leonardo: Ich hatte nie den Wunsch gehabt, Drogen zu nehmen. Ich habe schon als Kind gesehen, wie andere Kids an Drogen zugrunde gingen. Ich fand das eklig. Ich wollte nicht Teil dieser Szene sein. Ich gehörte eigentlich nirgends dazu.

BRAVO: Wie warst du in der Schule?

Leonardo (lacht): Alles andere als ein Streber! Ich war ein Außenseiter, ich gehörte nie zu einer Clique oder zu einem Sport-Team. Ich brachte meinen Unterricht hinter mich, so gut es ging, und dachte oft: Hier gehörst du gar nicht hin. Ich war schon damals von dem Gedanken besessen, Schauspieler zu werden.

BRAVO: Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen?

Leonardo: Die Idee war immer da. Für meine Schulkameraden war ich der Klassenclown. Um beliebt zu werden, machte ich eine Menge Witze und kasperte herum. Ich war überall als der verrückte kleine Junge bekannt. Ich ahmte alle nach. Sprache, Gesten, Gesichtsausdrücke. Auf die Dauer kotzte es mich an, immer den Klassenclown zu spielen. Ich wollte kein Komiker sein, nur um anderen Leuten zu gefallen. Mein Vater George hatte mir eingetrichtert, nicht schüchtern zu sein - dafür aber respektlos. Ich imitierte immer Leute, die ich gerade getroffen hatte und interessant fand. Mein Stiefbruder war bereits Schauspieler und vermittelte mir ein paar kleinere Rollen. Da war ich sechzehn.

BRAVO: Welche Rolle ist deine bisher schwierigste gewesen?

Leonardo: Körperlich auf jeden Fall die Rolle in "The Basketball Diaries".

BRAVO: Weil du viel Basketball spielen mußtest?

Leonardo: Nein. Die Rolle war so anstrengend, weil der Film nur ein Budget von 4,5 Mio. Dollar hatte und deshalb in den Straßen von New York gedreht werden mußte. In jenen Vierteln, in denen Jim Caroll, nach dessen Basketball-Tagebüchern dieser Film entstand, die Drogenhölle durchmachte. Jim lebt noch immer in New York. Dort ist er heute ein geachteter Poet und Schriftsteller. New York ist alles andere als filmfreundlich. Wir wurden dauernd von Straßenlärm unterbrochen und mußten dennoch mit Tempo filmen. Wir gingen in Gegenden, in die ich mich allein nie wagen würde. Der ganze Dreck lag auf der Straße herum - Nadeln, Spritzen, Unrat, Fäkalien. Es war zum Kotzen.

BRAVO: Wie hast du dich eigentlich auf die Rolle vorbereitet?

Leonardo: Ich habe mich über Drogen ausführlich imformiert. Während der Dreharbeiten hatte ich einen "Drogen-Experten" als Berater an meiner Seite. Einen Ex-Junkie, der schon alles hinter sich hatte, was sich Rauschgift nennt. Er kannte die Auswirkungn von jeder Droge. Ich habe mich auch mit richtigen Junkies unterhalten. Sie haben mir eingehend geschildert, wie das Leben mit Heroin oder Kokain wirklich aussieht.

BRAVO: Hände weg von Drogen - ist das die Botschaft deines Films?

Leonardo: Der Film predigt nicht. Er zeigt die Zerstörung durch Drogen. Eine bessere Aussage gibt´s gar nicht.

BRAVO: Wie hast du dich bei den Dreharbeiten mit Marky Mark verstanden?

Leonardo: Wir sind durch diesen Film Freunde geworden. Marky und ich gingen an den Wochenenden aus und amüsierten uns prächtig in den Clubs. Heute treffen wir uns nur noch selten. Unsere Wege führen uns leider auseinander. Schade, mit Marky kann man echt viel Spaß haben.

BRAVO: Was wird dein nächster Film sein?

Leonardo: "Schneller als der Tod" mit Sharon Stone läuft im November in Deutschland an. Zur Zeit drehe ich "Romeo und Julia".

BRAVO: Du bist doch in Hollywood aufgewachsen. Wie war deine Kindheit?

Leonardo: Ja, ich wurde im Ghetto von Hollywood groß. Dort, wo die Prostituierten und Crack-Typen herumhängen. Meine Mutter kam aus Deutschland, als sie sehr jung war; die Vorfahren meines Vaters stammen aus Italien. Die beiden haben sich im College kennengelernt und zogen dann nach Los Angeles, weil sie gehört hatten, daß es ein großartiger Ort sein sollte. Und dann wurde meine Mutter schwanger. Meine Eltern zogen direkt ins Zentrum von Hollywood, weil sie geglaubt hatten, daß dort all das phantastische Zeugs Hollywoods passiert. Dabei war es der ekelhafteste Ort, den man sich vorstellen kann.

BRAVO: Hast du Geschwister?

Leonardo: Ja und nein. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich neun Jahre alt war. Vielleicht komme ich deshalb so gut mit beiden aus. Durch die zweite Ehe meines Vaters kam ich zu meinem Stiefbruder Adam.

BRAVO: Also keine glückliche Kindheit?

Leonardo: Doch. Sie war schon glücklich. Ich hatte ja lange nichts anderes gekannt als eine alleinstehende Mutter, die immer für mich da war.

BRAVO: Wohnst du noch zu Hause?

Leonardo: Nein. Ich bin vor kurzem ausgezogen und wohne jetzt in einem Apartment. Nichts Besonderes, aber es ist mein eigenes Zuhause.

BRAVO: Welcher Film hatte bisher den nachhaltigsten Eindruck auf dich gemacht?

Leonardo: "Harry und Sally"...

BRAVO: ... wegen des Orgasmus, den Meg Ryan beim Essen in einem Restaurant vortäuschen mußte?

Leonardo: Quatsch. Nein, weil ich en Film bei meinem ersten Date sah.

BRAVO: Wer war denn die Glückliche?

Leonardo: Eine süße kleine Spanierin: Cessi hieß sie und ging in die 8. Klasse. Ich traute mich nicht, sie anzusprechen. In den Sommerferen faßte ich mir ein Herz und rief fast täglich bei ihr an. Nach den Ferien verabredeten wir uns. Als ich vor ihr stand, benahm ich mich wie ein Idiot. Ich war wie versteinert, starrte sie immer nur an. Cessi hat sich nie wieder mit mir getroffen.

BRAVO: Wann hast du zum ersen Mal ein Mädchen geküßt?

Leonardo: Der erste Kuß war das Ekelhafteste in meinem Leben. Zumindest sah ich das damals so. Das Mädchen gab mir gut ein Pfund Spucke in meinen Mund. Ich spuckte das alles aus. Es war schrecklich.

BRAVO: Deine Mutter Irmelin kommt aus Germany. Hat sie dir Deutsch beigebracht?

Leonardo: Ja, ich spreche etwas Deutsch. Früher sprach sie zu Hause oft Deutsch mit mir. Meine Mutter stammt aus Recklinghausen.

BRAVO: Warst du schon mal in Recklinghausen?

Leonardo: Schon oft. Zuletzt vor zwei Jahren, als mein Opa starb. Wenn ich nach Deutschland komme, hole ich mir als erstes die BRAVO. "Good Job Guys. I love BRAVO!"

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