Sonntagszeitung (Schweiz) - 13.Februar 2000

 

Beachboy in Berlin

Titanic-Star Leonardo DiCaprio produzierte sich an der Berlinale mit seinem Film «The Beach».

Matthias Lerf über das Geheimnis des Leo-Kults.

Berlin - Eine Raupe. Eine grüne fette Raupe stopft er in den Mund. Kaut. Und schluckt. Haben Sie für Ihren neuen Film das zappelnde Ding wirklich hinuntergewürgt, Leonardo DiCaprio? «Nein, aber in den Mund genommen und darauf herumgebissen schon», antwortet er.

Wirklich. Er sitzt da. Gestern Nachmittag am Filmfestival in Berlin. Gibt Interviews zu «The Beach», dem ersten Film seit jenem Schiffsuntergang, der ihn in den Kinohimmel katapultiert hat. Wobei Interview ein grosses Wort ist. Minipressekonferenz heisst die Veranstaltung, die im noblen Hotel Kempinski am Kurfürstendamm durchgezogen wird, 25 Minuten Zeit für 25 Journalisten aus aller Welt, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio im Doppelpack.

Und jetzt blödeln sie schon zwei Minuten lang über die Raupe: «Achtmal musste ich die Szene wiederholen, das hast du nur getan, um mich zu ärgern», beschwert sich Leo. Und lächelt dazu das unschuldigste all seiner unschuldigen Lächeln.

Die Sache mit der Raupe ist nicht die erste Erfahrung des Schauspielers in der kameragerechten Vertilgung von Insekten. Leo-Fans werden sich erinnern, dass er in «What's Eating Gilbert Grape?» schon mal eine Heuschrecke konsumiert hat. Das Runterwürgen von so ekligen Dingern ist ja eigentlich etwas für pubertierende Jungs, die sich gegenseitig ihre Stärke beweisen wollen. Und genauso benimmt sich Leonardo. Ein Spitzbube. Einerseits. Andererseits aber...

Ja was, andererseits? Der Hollywood-Superstar? Der Mann, der die Mädchen kreischen lässt? Der Partylümmel, der für jede Nummer zu haben ist? Oder schlicht der König der Welt, wie er sich als Jack Dawson auf der «Titanic» genannt hat? Alles natürlich. Oder nichts. «Mein wahres Ich kenne nicht einmal ich selber», sagt Leo. Und zupft sein anthrazitfarbenes Hemd zurecht, als ob sich dieses Ich irgendwo unter dem Kragen verstecken würde.

Den öffentlichen Leo kennen dafür alle. DiCaprio ist omnipräsent in Berlin. Leo auf Plakaten, Leo auf den Titelblättern der Magazine, die alle ein Exklusivinterview anbieten. Exklusiver ist dagegen das Angebot eines Boulevardblatts: 1000 Mark hat die «B. Z.» derjenigen Berlinerin offeriert, die es schafft, den Star zu küssen (Fotobeweis genügt). Anwärterinnen gibt es genug. Bereits um 9 Uhr in der Früh warten die ersten Fans vor dem Festivalpalast am Potsdamer Platz, in dem um 19.30 Uhr die «Beach»-Vorführung stattfindet. Kurz vor Filmbeginn sind es dann Tausende. Aber das wahre Ich? Vielleicht muss man auf andere hören, um dem näher zu kommen. Eine interessante Theorie hat «Gilbert Grape»-Regisseur Lasse Hellström entwickelt. Der hat seinem damaligen Darsteller tief in die Augen geschaut und festgestellt, dass die linke Pupille weich wirke und Wärme ausstrahle, die rechte dagegen eher kühl und analysierend bleibe.

Dass er seit «Titanic» ein Produkt geworden ist, stört Leo nicht

DiCaprio in die lagunenblauen Augen zu sehen, ist aber gar nicht so einfach. Unbeweglich sitzt er da und schaut aufs Mikrofon vor ihm. Wenn er eine Frage beantwortet, wirkt er sofort lebhaft und interessiert. Dann aber erstarrt er, in einer anderen Position, wieder zur Salzsäule. Ein wenig wie die Menschen auf der Strasse, die sich nur bewegen, wenn man ihnen eine Münze zuwirft. Apropos Münze: Zwanzig Millionen Dollar hat DiCaprio für die «Beach»-Rolle bekommen - ein Drittel des Filmbudgets.

Beweglich und unbeweglich, aufgeweckt und abgelöscht - auch während der Minipressekonferenz ein doppelter Leo. Wer will, kann die Reihe fortsetzen. Mit der Biografie zum Beispiel. Die Mutter des am 11. 11. 1974 geborenen Stars stammt aus Deutschland und wird als energische Anwaltsgehilfin geschildert. Der Vater dagegen gilt als Althippie, er hat Comics gezeichnet und sich der Undergroundszene zugeordnet. Arbeit und Fantasie also. Und dann ist da natürlich noch etwas. Die Filme nämlich: Vor «Titanic». Und nach «Titanic».

«Ja, es hat sich etwas verändert mit diesem Film», haucht Leo auf die unvermeidliche Frage so ins Mikrofon, als ob ihm das gerade erst einfallen würde. Und ergänzt: «Ich bin so etwas wie ein Produkt geworden. Aber eigentlich betrifft mich das nicht. Denn es ist das, was andere aus mir machen.

Und was wollen Sie selber aus sich machen, Mister DiCaprio? Da wird es schwieriger. Dem Schauspieler ist es nicht leicht gefallen, nach dem prächtigen «Titanic»-Untergang irgendwo wieder aufzutauchen. Den Frauenschlächter in «American Psycho» wollte er zuerst spielen. Und hat sich dann für den Aussteiger Richard in «The Beach» entschieden. Der ist zwar nicht gerade ein psychopathischer Mörder. Aber ein Herzbube nun auch wieder nicht. Und das nicht nur, weil er Raupen isst.

Auch in Berlin lässt sich der Star feiern - aber nicht wirklich fassen

«Ich bin Schauspieler und muss meine Rollen wechseln, um seriös arbeiten zu können», sagt Leo jetzt fast ein wenig trotzig. Wie Brad Pitt und Johnny Depp scheint er dabei fast krampfhaft Filmfiguren zu suchen, die seinem Image als Schönling zuwiderlaufen. Zu dieser Bemerkung sagt er nichts. Sondern verschränkt die Arme. Und lässt fast beiläufig die Muskeln spielen, die er sich für seinen Auftritt in Martin Scorseses Gangsterfilm «Gangs of New York» antrainiert hat.

Danke DiCaprio. Die 25 Minuten sind schnell vorbei. Der Schauspieler steht auf und verlässt den Saal. Keine Autogramme, schreit die Presseagentin. Da dreht sich Leo um und lächelt. Gross ist er. Wirklich? Jawohl, gross. Fast grösser als in den Filmen. Während doch die meisten Schauspieler kleiner wirken als auf der Leinwand. Vielleicht ist es das. In den doppelten Leo lässt sich alles hineininterpretieren. Er ist gross wie ein Bär und klein wie ein Kuscheltier. An einer Raupe hat er gekaut. Aber als flüchtiger Schmetterling fliegt er den Berlinern um den Kopf. Lässt sich bewundern und beklatschen. Aber niemals wirklich fassen.

Danke an Gabi !

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