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Kölner Stadtanzeiger - 29.11.01
Michael Ballhaus (66) ist das Auge Martin Scorseses: Sechs Filme hat der Kameramann mit Scorsese gedreht, darunter GoodFellas und Zeit der Unschuld, und zuletzt Gangs of New York mit Leonardo DiCaprio und Daniel Day Lewis, eine Geschichte über Bandenkriege im Manhattan des 19. Jahrhunderts, der im Februar 2002 in unsere Kinos kommt. Nach 16 Filmen an der Seite von Rainer Werner Fassbinder gelang Ballhaus vor 25 Jahren der Wechsel nach Amerika, wo er schon lange einer der gefragtesten Directors of Photography ist. Für Nachrichtenfieber und Die fabelhaften Baker Boys wurde er jeweils für den Oscar nominiert. Vor wenigen Tagen hat Michael Ballhaus in Berlin den Lucky Strike Designer Award entgegengenommen, nun war er auf Initiative der Filmsociety, der cinephilen Abteilung des Kunstsalons, mit eigenen Aufnahmen von den Dreharbeiten zu Gangs of New York zu Gast in Köln. Der Kameramann, in Köln zu Gast, im Gespräch mit Christian Seebaum. KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Ballhaus, wie sind Sie Kameramann
geworden?
MICHAEL BALLHAUS: Meine Eltern waren beide Schauspieler und hatten ein
eigenes Theater, und ich habe das sehr geliebt. Mit 13, 14 Jahren habe ich
angefangen zu fotografieren und Bühnenfotos zu machen. Als ich dann bei den
Dreharbeiten zu Lola Montez zusehen durfte, Max Ophüls' letztem Film, war das
für mich die Initialzündung. Diese Verbindung von Theater und Bildermachen, das
sollte es sein.
Mögen Sie es, wenn ein Regisseur im Vorhinein eine
feste Vorstellung davon hat, wie der Film aussehen soll?
BALLHAUS: Wenn
es Martin Scorsese ist, finde ich seine Visionen natürlich fantastisch, anregend
und faszinierend und bin ich glücklich, sie in die Realität umzusetzen. Wenn es
Regisseure sind, die keine so starke visuelle Vorstellung haben, wie zum Beispiel
Robert Redford oder Mike Nichols, dann bin ich froh, ihnen da zu helfen und meine
Vision zu verwirklichen.
Was ist der größte Unterschied zwischen der Arbeit
mit Fassbinder und der in Hollywood?
BALLHAUS: In Amerika ist die
Verantwortung viel größer. Mein Job heißt dort Director of Photography (DP):
Bildregisseur. Mit Fassbinder hat sich die Zusammenarbeit erst dahin entwickelt.
Am Anfang war er sehr autoritär und hat nur gesagt: So und so will ich das haben!
Später hat er dann gefragt: Wie würdest Du das machen?. Und dann hat er immer
versucht, ein bisschen besser zu sein, und das ist ihm manchmal auch gelungen.
Gangs of New York spielt in einer Zeit (Mitte 19. Jahrhundert), aus
der es keine Fotos gibt. Wie entwirft man da den Look des Films?
BALLHAUS: Man beschäftigt sich mit der Historie: Es gab kein elektrisches Licht,
die Leute waren arm. Daraus ergibt sich, dass es wenig Farben gibt, Brauntöne,
Grautöne, nachts ist es sehr dunkel, es gibt nur ein paar Gaslaternen, innen
Kerzen. Ich habe mich auch in der Wahl der Brennweiten sehr reduziert: Extreme
Weitwinkel- oder Teleobjektive schienen mir zu modern.
Wie fühlt man
sich bei einem solchen 100-Millionen-Dollar-Projekt, das mindestens 300 Millionen
einspielen muss, um nicht als Enttäuschung bezeichnet zu werden?
BALLHAUS:
Mich belastet das nicht. Man kann nur daran denken, dass man die bestmögliche
Arbeit macht. Bei Scorsese ist das etwas anderes: Wenn der Film floppt, ist das für
seine Karriere sehr schlecht. Für meine ist es nicht schlecht, weil die Bilder gut
sind. In dem Fall würde ich sogar sagen: sehr gut, weil es, glaube ich, meine beste
Arbeit ist.
Beneiden Sie manchmal die Kollegen bei den Dogma-Filmen um ihre
Freiheiten in der Arbeit?
BALLHAUS: Ich finde einen Film wie Breaking the
Waves sehr spannend und innovativ, aber Robby Müller war dabei nicht sehr glücklich.
Er hat da gesessen, und Lars von Trier saß am Monitor und hat über Kopfhörer dem
Kamera-Operator gesagt, wohin er schwenken soll. Das ist nicht, wie ich mir meinen
Job vorstelle. Ich möchte mehr in die Gestaltung eingreifen.
Gibt es
Momente beim Dreh, wo man als DP auch ein wenig Regisseur sein will?
BALLHAUS:
Bei den Regisseuren, mit denen ich arbeite, ist das etwas Fließendes. Da guckt
man sich schon mal an: War's das schon? Ich habe auch schon mal bei der Besetzung
Einspruch erhoben. Aber ich habe selten das Gefühl, dass etwas besser sein könnte.
Oder wenn, dann sieht der Regisseur das auch so, aber es lässt sich nicht ändern.
Zum Beispiel waren bei Dracula weder Francis Ford Coppola noch ich mit Keanu Reeves
als Schauspieler sehr glücklich.
Wenn Kinogänger von tollen Bildern schwärmen,
ist dann etwas gut oder schief gegangen?
BALLHAUS: Wenn sie zu sehr von den
Bildern reden, ist etwas mit der Geschichte schief gegangen. Ich möchte eigentlich
nicht, dass man so viel von den Bildern spricht. Ich versuche, mich einer Geschichte
unterzuordnen. Wenn es dann in einem Film Einstellungen gibt, die sensationell sind,
dann hat das mit der Geschichte zu tun.
Stimmt es, dass die Kamera manche
Menschen liebt?
BALLHAUS: Ich würde es anders formulieren: Es gibt Schauspieler,
die spielen ihre Szene für ihr Publikum, nämlich für die Kamera. Das habe ich in
wundervoller Weise bei Leonardo DiCaprio in Gangs of New York empfunden. Der hat
eine wunderbare Fähigkeit, für die Kamera zu spielen, das hat der irgendwie im Blut.
Man kann sagen, die Kamera liebt ihn, aber eigentlich ist es so, dass er die Kamera
liebt, weil er sie als sein Publikum betrachtet.
Filmen Sie auch deshalb,
weil man da etwas festhalten kann, was sonst so flüchtig ist?
BALLHAUS: Wenn
man gerne Bilder macht, auch sehr spezielle Bilder, dann freut man sich natürlich auch,
diese Bilder zu erhalten. Es ist schön, so etwas zu hinterlassen. Man sagt: Da gibt es
eine Bildwelt, die ich wesentlich erschaffen habe.
Danke Gabi ! *** |